Opfer des NS Regimes

Paul Resetschnig

    

geboren am 23. Juni 1911 in Lienz

deportiert am 29. Juni 1940 in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim und ermordet

wohnhaft in Rosegg/Rožek

 

Paul Resetschnig war der Sohn eines Arbeiters. Er selbst war Arbeiter in der Landwirtschaft und litt an Epilepsie, d. h. an zeitweiligen Krampfanfällen, der sogenannten Fallsucht. Im christlichen Mittelalter wurde diese Krankheit mit einem starken sozialen Stigma verknüpft und vielfach als Besessenheit durch den Teufel angesehen. In der griechischen Antike, die auch eine positive Vorstellung von Ekstase hatte, galt Epilepsie hingegen als „heilige Krankheit“, als ein von einer Gottheit Erfasst-Werden. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde Epilepsie in der Medizin als „Geisteskrankheit“ und von den Nazis als „Erbkrankheit angesehen. Diese Betrachtungsweise ist mittlerweile stark relativiert worden.

Mitte der 1930er Jahre wurde Paul Resetschnig zum ersten Mal in die Psychiatrie Klagenfurt aufgenommen. Nach einiger Zeit wurde er offenbar wegen Besserung seines Leidens wieder aus der Psychiatrie entlassen. Doch ein Jahr vor seiner Ermordung wurde Paul Resetschnig abermals ins Gaukrankenhaus Klagenfurt eingewiesen. Besonders gefährdet durch die“ T4-Aktion“ waren Langzeitpatienten, die bereits seit mehreren Jahren in der Psychiatrie waren. Paul Resetschnig war für damalige Verhältnisse eher ein kurzzeitig internierter Patient. Und vielleicht war es pures Pech, dass er auf die Liste der im Mai amtierenden Euthanasiekommission geraten ist. Obwohl nach den Vorgaben der Euthanasiezentrale in Berlin lediglich Patienten, die nicht mehr arbeitsfähig waren euthanasiert werden sollten, traf es in Klagenfurt auch gute Arbeiter, die in Hartheim ermordet wurden.

Am 29. Juni 1940 wurde Paul Resetschnig  im Rahmen der  „T4-Aktion“ nach Niedernhart bei Linz deportiert und von dort mit einem Omnibus nach Schloss Hartheim gebracht und ermordet.

In den Tagen danach bekam sein Vater ein sorgfältig formuliertes Schreiben mit der traurigen Mitteilung, dass der im Euthanasieprogramm Ermordete überraschend während  eines epileptischen Anfalls verstorben ist. Auf dem Briefkopf stand aber nicht Schloss Hartheim, sondern „Landes-Pflegeanstalt Brandenburg a. H.“. Die Vernichtungsanstalt Brandenburg an der Havel war eine der sechs Tötungsanstalten der „T4-Aktion“. Aus Gründen der Verschleierung und um die Angehörigen über die genauen Umstände des Ablebens zu täuschen, wurden auf diesen Benachrichtigungen möglichst weit von der Heimatadresse entfernte Tötungsanstalten angegeben. Dadurch sollte vermieden werden, dass Angehörige zu den betreffenden Anstalten selbst hinfahren.

 

Quellen:

Zitiert nach Helge Stromberger aus dem Buch: Werner Koroschitz, Zeichen setzen - NS-Opfer der Marktgemeinde Rosegg, Verlag Hermagoras, Klagenfurt / Celovec 2010.

 

 T4-Aktion

 

Die Nationalsozialisten bereiteten die Tötung von geisteskranken Menschen und anderen ihnen „unerwünschten Elementen“ systematisch vor. Schon 1935 deutete Hitler auf dem Reichsparteitag in Nürnberg gegenüber Reichsärzteführer Wagner an, dass er beabsichtige die „unheilbar Geisteskranken zu beseitigen“. Er verwendete genau dieses Verb. Am 18. August 1939 erging ein Runderlass, demzufolge dem Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden jedes „missgestaltete Neugeborene“ zu melden war. Dies galt rückwirkend auch für Kinder bis zu drei Jahren. Die Verpflichtung betraf Ärzte und Hebammen.

 

Die Euthanasie in Deutschland begann gleich nach Kriegsbeginn mit der Tötung von geisteskranken Kindern. Zur Tötung wurde das Medikament Luminal in großen Dosen verabreicht. Es wurden zwar ärztliche Gutachten erstellt, die diesen Namen jedoch nicht verdienten: Die Gutachter bekamen die Kinder nicht einmal zu Gesicht. Der Leiter der Anstalt Eglfing-Haar „bearbeitete“ beispielsweise 2000 Meldebögen neben seiner normalen Arbeit binnen 3 Wochen.

 

Benannt wurde die Aktion nach ihrer Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, als „T-4 Aktion“. Die Tötungen fanden in abseits gelegenen Anstalten statt. (Bernburg, Brandenburg, Grafenek, Hadamar, Hartheim, Sonnenstein) In Österreich gab es eine Anstalt in Hartheim bei Linz. Ab Anfang 1940 erfolgte die massenhafte Ermordung, nach „Probevergasungen“ in den annektierten polnischen Gebieten, in Gaskammern. Verwendet wurde Kohlenmonoxyd, das in Stahlflaschen angeliefert wurde. Getötet wurden nicht nur Geisteskranke, sondern auch Patienten mit chronischen Krankheiten.

 

Einzelne evangelische Bischöfe, wie der würtenbergische Landesbischof Theophil Wurm, protestierten im Juli 1940. Die Proteste nahmen zu, vor allem seitens der Justiz und der Kirchen. Erste Einsprüche richteten katholische Bischöfe direkt an die Reichskanzlei.

Nach diesen kirchlichen Protesten wurde die „T-4 Aktion“  im August 1941 offiziell gestoppt. Die Euthanasie wurde jedoch insgeheim fortgesetzt, d.h. die Tötungen wurden nun dezentral, jedoch bestens organisiert, durchgeführt.

 

Die „T-4 Aktion“ ist heute ziemlich gut erforscht. Ihr fielen ihr mehr als 70 000 Menschen zum Opfer, der späteren dezentralen Euthanasie weitere 50 000 Menschen.

 

In Kärnten sind der „T-4 Aktion“ ungefähr 600 Menschen zum Opfer gefallen und der späteren dezentralen Euthanasie ungefähr 800 Menschen.

 

Quelle: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß, DTV 1998, ISBN: 3-423-33007-4

Helge Stromberger, Die Ärzte, die Schwestern, die SS und der Tod, Drava Verlag, Klagenfurt 2002.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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