Opfer des NS Regimes

Ida Mittinger

 

geboren am 22. August 1895 in Celje/Cilli

deportiert am 25. August 1940 in die NS-Tötungsanstalt Schloss Hartheim und ermordet

zuletzt wohnhaft in Villach-Warmbad

 

Am 26. August 1937 erschütterte die Bevölkerung von Dellach/Drau ein dramatischer Kriminalfall. Die Witwe des Oberlehrers Rudolf Mittinger, Ida, brachte um 4.30 Uhr in einem Gasthaus ihre 10-jährige Tochter Erna und ihren 12-jährigen Sohn Max durch Schnitte in den Hals um. Sie war mit ihren Kindern nach einem Erholungsaufenthalt am Wörther See auf ein paar Tage in ihre Heimatgemeinde Dellach gekommen, wo ihr zweiter Sohn, der 11-jährige Rudolf bei Bekannten die Sommerferien verbrachte. Die Familie lebte seit dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1936 bei der Schwester von Ida Mittinger in Warmbad bei Villach.

Nachdem Ida Mittinger ihre Kinder Erna und Max getötet hatte, suchte die 42-jährige Frau noch in der Nacht das Wohnhaus auf, indem Rudolf nächtigte, um auch ihn umzubringen. Sie fügte dem schlafenden Buben einen Schnitt am Hals zu, er konnte seiner Mutter aber gerade noch entkommen. Nach dem Mordversuch an dem kleinen Rudolf sperrte sich Ida Mittinger auf der Toilette ein und versuchte sich selbst umzubringen. Die Frau wurde überwältigt und schließlich von der Gendarmerie festgenommen. Rudolf wurde in das Krankenhaus Lienz eingeliefert und überlebte.

Die Gendarmen vernahmen inzwischen seine Mutter, wie in der Chronik der Gendarmerie zu lesen ist: „Bei Vernehmung über das Motiv der Tat gab die Mittinger sogleich an, dass sie in Mordabsicht gehandelt habe und diesen Entschluss schon seit zirka drei Jahren in sich getragen hat. Sie ist angeblich mit einer unheilbaren Krankheit behaftet und fürchtete, dass diese Krankheit auch bei den Kindern auftreten könnte. Ihr Mann Rudolf starb schon am 28.5.1936. Trotzdem Ida Mittinger vermutlich zirka 350 S Pension hatte, geriet sie infolge ihrer schlechten Hauswirtschaftsführung in Schulden und glaubte die Kinder nicht entsprechend erziehen zu können.“

Ida Mittinger wurde an das Landesgericht Klagenfurt überstellt. Das Gerichtsverfahren gegen sie brach der Richter nach einer Untersuchung ihres Geistes- und Gesundheitszustandes ab. Sie wurde stattdessen mit dem Vermerk „geisteskrank und gemeingefährlich“ in die „Irrenanstalt“ Klagenfurt eingewiesen. Dem Datenblatt ihres Krankenaktes ist zu entnehmen, dass Ida Mittinger in Wöllau, im Bezirk Cilli in Slowenien geboren wurde, über ein Einkommen von 200 S monatlich verfügte und im Depressionszustand ihre zwei Kinder getötet habe. Ansonsten ist am Deckel des Aktes nur mehr das Datum ihres Abtransportes in die Vernichtungsanstalt Hartheim zu entziffern. Dieser erfolgte am 25. August 1940. Ihr Sohn Rudolf wurde von der Familie seines Onkels in Althofen aufgenommen und wuchs dort behütet auf.

Seine Mutter hat Rudolf Mittinger in positiver Erinnerung, auch wenn ihre Tat für ihn unerklärbar bleibt. Er vermutet heute, dass seine Mutter nach der Übersiedelung nach Villach in wirtschaftliche Not geraten und darüber verzweifelt ist. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus überkam Rudolf tiefe Trauer: „Ich habe abends im Bett oft geweint. Ich hatte Heimweh nach meiner Familie, nach meinen Geschwistern, nach dem Warmbad in Villach und nach Dellach.“ Vom Tod der Mutter erfuhr er im September 1940. Die Todeserklärung aus Hartheim hat er aufbewahrt. Wie in allen Euthanasiefällen wurde die wahre Todesursache durch Vergasung verschleiert. Dem Dokument zu Folge starb Ida Mittinger am 24. September 1940 an septischer Angina eines natürlichen Todes.

Wer war Ida Mittinger? Ida Mittinger stammte aus einer deutschen Familie, die in Oberkrain im damaligen Slowenien lebte. Ihr Vater war Lokomotivführer. Er achtete auf die künstlerische Ausbildung seiner Kinder. Ida Mittinger erlernte früh das Klavierspiel und wurde auf hohem Niveau in Marburg und Graz zur Konzertpianistin ausgebildet. Ihr Bruder, Rudolf Derka, erlangte in seinem Metier als Magier Weltruhm. In Graz verkehrte Ida in Künstlerkreisen, unter anderem pflegte sie engen Kontakt mit dem bekannten Dirigenten Karl Böhm. Durch die Heirat mit ihrem Mann und die Übersiedelung nach Dellach in den frühen 1920er Jahren wurde sie aus diesen künstlerischen Zusammenhängen herausgerissen, pflegte ihr Klavierspiel aber weiter und ließ auch ihre Kinder Instrumente lernen. Wie Rudolf Mittinger berichtet, hat sie körperliche Arbeit abgelehnt, dabei sollte es auch bleiben, als sie in der Irrenanstalt dazu angehalten wurde. Ida Mittinger war am politischen Geschehen in den 1930er Jahren interessiert, sie unterstütze in Dellach/Drau nach Angaben ihres Sohnes die Nationalsozialisten.

Wie ist die Tat von Ida Mittinger zu erklären? Die Psychologie kennt das Phänomen des „Mitnahmesuizids“ bzw. „erweiterten Suizids“. Darunter ist eine zwar relative seltene, aber besonders erschütternde Sonderform der Selbsttötung zu verstehen, bei der ein oder mehrere Opfer mit in den Tod gezogen werden. Oft handelt es sich um verheiratete Mütter zwischen 30 und 40 Jahren mit einer schweren Depression, die in ihrer krankheitsbedingten Trostlosigkeit ihre meist minderjährigen Kinder „erlösen“ wollen.

 

Quellen:

Chronik des GP Dellach/Drau DÖW 17858/3; Historisches Archiv des Zentrums für seelische Gesundheit in Klagenfurt, Krankenakten; Mitteilung Gedenkstätte Schloss Hartheim; Interview mit Rudolf Mittinger 27. Mai 2005 durchgeführt von Peter Pirker, Briefe von Rudolf Mittinger an Peter Pirker.; KLA LGK Vg Vr 907/45 (Prozess gegen Dr. Niedermoser); Nachlass Ida Mittinger, privat.

 

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