Texte

Lisa Rettl

Wilde Minze.

Historischer Hintergrund

 

I. Die Peskollers: Familiärer Hintergrund und soziales Netz

Helga Emperger, geboren in Lienz, wuchs mit ihrer jüngeren Schwester Roswitha in einem

sozialdemokratisch geprägten Umfeld auf. Für ihren Vater Josef Peskoller waren sein Beruf

als Eisenbahner und die Arbeiterbewegung das prägende Element seines Lebens: Als 23-

Jähriger trat er der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei, seine endgültige politische

Heimat fand er Mitte der 1930er Jahre in der KPÖ. Helgas Mutter, Maria Peskoller

(geborene Greil), entstammte ursprünglich einer bäuerlich-konservativen Familie aus dem

osttirolerischen Dölsach und arbeitete vor ihrer Eheschließung als Köchin in Tirol. Zu Beginn

der 1930er Jahre trat sie politisch noch nicht in Erscheinung. Sie unterstützte zwar die

politischen Anliegen ihres Mannes, ihr Hauptaugenmerk galt jedoch nach den Geburten

ihrer Töchter Helga (1928) und Roswitha (1932) in erster Linie der Familie. 1932

übersiedelten die Peskollers berufsbedingt von Lienz nach Villach. Zwei Jahre später erlebte

die Familie durch die faschistische Machtübernahme mit Engelbert Dollfuß an der Spitze die

ersten drastischen Einschnitte: Für Josef begann nun aufgrund seiner exponierten Stellung

als langjähriger sozialdemokratischer Personalvertreter eine elfjährige Phase von

Verfolgung, Repression und Illegalität. Als bekannter „Roter“ wurde er bei den

österreichischen Bundesbahnen bereits 1934 in einen zeitlich begrenzten Ruhestand

versetzt. Noch im selben Jahr folgte die erste von mehreren Verhaftungen wegen illegaler

kommunistischer Betätigung, 1935/36 eine achtmonatige Inhaftierung im Anhaltelager

Wöllersdorf. Maria Peskoller hielt die Familie inzwischen mit Haushalts- und

Schneiderarbeiten über Wasser. Am 11. Juni 1940 wurde Josef Peskoller in Villach verhaftet

und am 21. Februar 1941 nach Klagenfurt überstellt. Ihm wurde seitens des

Untersuchungsrichters des Volksgerichtshofs vorgeworfen, gemeinsam mit einigen anderen

ein „hochverräterisches Unternehmen“ vorbereitet zu haben, indem er einerseits durch die

Organisation eines politischen Zusammenschlusses und andererseits durch „Beeinflussung

der Massen durch Verbreitung von Schriften“ mit Gewalt die Verfassung des Reiches zu

ändern versuchte. In der Hauptverhandlung vom 20. Februar 1942 wurde er zu einer 20-

monatigen Haftstrafe verurteilt. Im Sommer 1944 fiel Josef schließlich einer groß

angelegten Verhaftungswelle durch die Gestapo zum Opfer und blieb bis zu Kriegsende in Klagenfurt in Haft. In diesen Jahren entwickelte sich Maria Peskoller zu einer herausragenden Persönlichkeit des Villacher Widerstandes. Sie unterhielt ein vielfältiges politisches Kontaktnetz, das von den PartisanInnen in Leoben-Donawitz rund um Max Muchitsch über die kärntnerslowenischen PartisanInnen, entflohene ZwangsarbeiterInnen bis hin zu den Widerstandszellen innerhalb der Deutschen Reichsbahn reichte. Maria selbst agierte auf lokaler Ebene im Rahmen ihres persönlichen Netzwerkes und Freundeskreises, der einerseits aus führenden KP-Persönlichkeiten Kärntens bestand – etwa den Familien

Kazianka und Bucher – anderseits aus Personen, die sich antifaschistisch und antinazistisch

positionierten. Mit Rosa Eberhard und Margarete Jessernigg verband Maria Peskoller neben

einer politischen auch eine enge persönliche Freundschaft – drei Frauen, die in räumlicher

Nähe zueinander lebten und deren Kinder ebenfalls befreundet waren. Die drei Frauen

stützen sich wohl auch im Alltag gegenseitig – ihnen war nicht zuletzt gemeinsam, dass ihre

Männer aus unterschiedlichen Gründen abwesend waren. Marias Mann befand sich seit

dem Jahr 1934 über weite zeitliche Strecken in politischer Haft, Rosa Eberhards Mann

Andreas war als Obergefreiter der Luftwaffe an der Front, Margarete Jessernig, deren Mann

ebenfalls Eisenbahner gewesen war, lebte seit 1942 als Witwe. Marias ältere Tochter Helga wuchs innerhalb dieses sozialen Gefüges in die antifaschistische Arbeit hinein. Sie gehörte zwar aufgrund ihres jugendlichen Alters nicht zum engeren Kreis der politischen AktivistInnen, übernahm aber immer wieder verschiedene Kurierdienste. 1944 – Helga war fünfzehn – versuchte sie eine Pistole von Villach nach Eisenkappel/Železna Kapla zu transportieren – ein Versuch, der zwar aufgrund des heftigen Bombardements auf Klagenfurt scheiterte – allerdings ein deutliches Indiz für die politische Zusammenarbeit Maria Peskollers mit den slowenischen PartisanInnen darstellt. Helga war, ebenso wie Margarete Jessernigs Tochter Greti (Margarete), an der Übermittlung von politischen Nachrichten und am Transport von Flugblättern beteiligt. Eine andere wesentliche Aufgabe fiel ihr aufgrund ihrer Stenokenntnisse zu: Nächtens stenographierte Helga die illegal gehörten Kriegsnachrichten und Frontberichte der so genannten „Feindsender“ (Nachrichtensender der Alliierten), auf deren Basis wiederum antinazistische Flugblätter entstehen konnten.

 

II. Sommer 1944: Aufbau der Partisanengruppe

Das Jahr 1944. Zusammenbruch der deutschen Fronten, Bombardements der Alliierten.

Hitlerattentat am 20. Juli. Überall im Deutschen Reich verschärfte die Gestapo ihren Terror

gegen verdächtige RegimegegnerInnen. Im Sommer 1944 wurde Helgas Vater, Josef

Peskoller, erneut festgenommen. Wenig später beteiligte sich Maria Peskoller gemeinsam

mit ihren Freundinnen Rosa Eberhard und Margarete Jessernigg sowie dem ebenfalls

befreundeten Valentin Clementin aus Seebach am Aufbau einer Partisanengruppe im Raum

Villach. Inwiefern die Bildung dieser Gruppe mit den politischen Bemühungen des

Frühjahres 1944 zur Bildung einer Österreichischen Freiheitsfront in Kooperation mit der

slowenischen Befreiungsfront in Verbindung zu bringen ist, kann nicht eindeutig geklärt

werden. Auf höherer politischer Ebene der verschiedenen Widerstandskräfte wurde dieses

Projekt im Frühsommer mehr oder weniger als gescheitert betrachtet, nicht desto Trotz

erscheint die Villacher Gruppe in ihrer Struktur genau als das: Als ein später Ausläufer dieser

Kooperationsbemühungen. Mit der slowenischen Befreiungsfront (OF, Osvobodilna fronta)

stand Maria Peskoller jedenfalls bereits seit den Anfängen der Partisanenbewegung in

Kärnten in Verbindung: „Für den Raum Villach jedoch war auch eine der ersten tätigen

Frauen Genossin ‚Anna’, Maria Peskoller. Schon im Herbst 1942 nahm ich selbst mit den

Villacher Genossen wieder Verbindung auf, und ‚Anna’ war es, die für unsere

Partisanengruppe Leoben-Donawitz dann die Verbindung zu den Partisanen im Rosental

über Villach aufrechterhielt.“

Ein wesentlicher Faktor, dass es überhaupt zur Bildung einer kämpfenden, im Wald

lebenden Partisanengruppe im Frühherbst 1944 kommen konnte, waren die schon seit

längerem gepflegten Kontakte der Peskollers zu verschiedenen, teils entflohenen

ZwangsarbeiterInnen im Raum Villach. Bereits vor 1944 leisteten die Peskollers in diesem

Zusammenhang unterstützende Hilfe und unterhielten politische Kontakte. Mit Marias

Verbindungsnetz wurden im Frühherbst 1944 über die Peskoller-Wohnung in der

Sonnenstraße mehrere Deserteure und Wehrdienstverweigerer in den Wald geschleust, wo

Maria bereits den Kontakt zu entflohenen ZwangsarbeiterInnen hergestellt hatte. Diese

bildeten für kurze Zeit eine in den Wäldern lebende Partisanengruppe, die durch kleinere

Sabotageakte und Anschläge das lokale NS-System destabilisierte. Rosa Eberhard,

Margarete Jessernig und Maria Peskoller bildeten mit Valentin Klementin und dem

gebürtigen Kroaten Milan Jelič die zentrale Versorgungsbasis im Villacher Raum, die die

PartisanInnen im Wald mit Nahrung, Informationen, Waffen und anderen Hilfestellungen

unterstützte. Eine andere Versorgungsbasis lag in Kellerberg, wo Maria Jennes die Gruppe

aktiv unterstützte. Zum Kern der Partisanengruppe gehörten neben einigen namentlich

unbekannten ZwangsarbeiterInnen die Deserteure Erich Ranacher und Josef Ribitsch, die

zuvor schon bei den slowenischen PartisanInnen eine Ausbildung erhalten hatten und sich

einige Tage in der Peskoller-Wohnung versteckt hielten, ferner der Deserteur Heinrich

Brunner und der Wehrdienstverweigerer Franz Najemnik, dessen Flucht in die Wälder

ebenso über den Weg der Peskoller-Wohnung in der Sonnenstraße führte. Letzterer entging

als einziger dem engmaschigen Fahndungsnetz der NS-Behörden.

 

III. Die Villacher Partisanengruppe

In der kurzen Bestandszeit der Kerngruppe, die sich in etwa von September bis November

1944 erstreckte, lebte die Partisanengruppe in abgeschiedenen, selbstgebauten

Waldbunkern in der Umgebung von Villach. Ihr Aktionsradius erstreckte sich auf einen Teil

des Drautales rund um Kellerberg sowie auf das Gegendtal. Aktenkundig belegt sind

Aktionen für die Ortschaften Winklern, Wernberg, Treffen, Niederdorf, Kras, Köttwein, Puch,

Unterwollanig, Verditz und Arriach.11 In einer Gesamtbeurteilung lässt sich sagen, dass der

eigene politische Anspruch der PartisanInnen sich wohl nur begrenzt realisieren ließ – die

scharfe Verfolgung durch Landwacht, Gendarmerie und Gestapo einerseits und die

Heterogenität und Instabilität der Gruppe andererseits, gepaart mit einem Mangel an Waffen

und Unterstützung einer breiteren Bevölkerungsbasis, ließ nur wenig Spielraum für größere,

militärische Aktionen. Einträge in den Gendarmeriechroniken des Gegendtales zeigen, dass

die Gruppe vor allem mit der Beschaffung von Waffen und Lebensmitteln, und sehr bald

schon mit einem puren Überlebenskampf beschäftigt war – zu schlagkräftigen politischmilitärischen Aktionen kam es nicht. Zwischen den PartisanInnen und den

nationalsozialistischen Verfolgungsbehörden kam es in der kurzen Bestandszeit der Gruppe

zu mehreren Feuergefechten. Im Verlauf eines solchen Gefechts wurde ein Landwachtmann

getötet, Erich Ranacher selbst erlitt einen Armdurchschuss. Die Pflege des Verletzten

übernahm Maria Peskoller, bzw. wird in den Gerichtsakten auch Rosa Eberhard die

Versorgung eines Verwundeten zugeschrieben.

Die verhältnismäßig kleinen Aktionen der Partisanen zeigten durchaus große Wirkung. Wie

sehr die NS-Behörden die Gruppe und eine Ausbreitung des Widerstandes fürchteten,

zeigte sich vor allem in ihren Verfolgungs- und Defensivreaktionen, die sich in den

Gendarmeriechroniken dokumentieren. Exemplarisch lässt sich dies etwa an drei Einträgen aus der Gendarmeriechronik Afritz verdeutlichen:

„Ab 30.10. musste das Elektrizitätswerk Arriach-Klamm wegen Bandentätigkeit im

Postenbereich Treffen durch Landwachtmänner des hiesigen Postenbereiches bis 24.11. zur

Nachtzeit ständig bewacht werden. (...) Mit 4.11. nach 18 Uhr haben 9 bewaffnete Banditen

(Treffnerbanden) (...) in Verditz No. 15 Lebensmittel geraubt. Auf das hin wurde der Posten

um 3 Gendarmen verstärkt und musste durch Tage hindurch Lauerstellung in den

Ortschaften Verditz und Schattenberg unter Heranziehung der Landwacht zur Nachtzeit

bezogen werden, bis die Treffnerbande festgenommen wurde.“

Zusammenfassend wurde in der Gendarmeriechronik resümiert, dass der Stand der

Landwachtmänner allein im Postenbereich Afritz im Jahr 1944 von 94 auf 150 Personen

erhöht wurde und die Einsätze äußerst zahlreich waren,

„weil allwöchentlich zweimal fast in jeder Ortschaft Streifen zur Überwachung und Kontrolle ausländischer Arbeiter verrichtet, während der Bandentätigkeit Lauerstellung gelegt und das Elektrizitätswerk Klamm überwacht werden musste.“

Der Erfolg dieser kleinen Partisanengruppe zeigte sich also weniger in ihrer tatsächlichen

militärischen Schlagkraft, als vielmehr in psychologischen Hinsicht und der damit

verbundenen Destabilisierung des Systems. Die Gruppe, die in ihrem Höchststand in etwa

aus 8-10 Personen bestand, hatte innerhalb kürzester Zeit eine tiefe Verunsicherung bei der

Bevölkerung und im lokalen Machtgefüge der Nazis herbeigeführt, die in einer drastischen

Verstärkung des NS-Sicherheitsapparats mündete – zu einem Zeitpunkt, wo die Deutsche

Wehrmacht an allen Fronten Niederlagen erfuhr und die Alliierten mit massiven

Bombardements den Glauben an eine nationalsozialistischen „Endsieg“ langsam

zermürbten.

 

IV. Das Ende der Villacher PartisanInnen

Zwischen 11. und 19. November 1944 gelang es der Gestapo in mehreren Etappen, fast die

gesamte Gruppe festzunehmen. Betroffen war der Kern der bewaffneten Partisanengruppe

im Wald ebenso wie das Netzwerk, das ihnen Unterstützung und Hilfe gewährte. Welche

Faktoren zum Auffliegen der Gruppe führten, lässt sich aus den historischen Akten nicht

eindeutig rekonstruieren. Zweifelsohne hatte zunächst Erich Ranachers Verletzung am Arm

eine Zerstreuung und Auflösung der Gruppe in Gang gesetzt. Die massive Verfolgung durch

die NS-Behörden hatten die Überlebenschancen der kleinen Partisanengruppe bereits

zuvor drastisch eingeschränkt – mit einem Verletzten war an einen weiteren Kampf wohl

kaum mehr zu denken. Erich Ranacher und Josef Ribitsch fanden nach Erichs Verletzung

jedenfalls noch kurzfristig Unterschlupf und Pflege in der Peskoller-Wohnung – nach dem

Verlassen der Wohnung versuchten sie nach Lienz, in den Heimatort Erich Ranachers, zu

gelangen. Vor allem die Verhaftungsdaten legen nahe, dass diese Hilfestellung das

auslösende Moment für die Festnahme der Gruppe darstellte. Durchaus möglich ist eine

Anzeige durch die im Haus wohnhafte Blockleiterin, wahrscheinlicher ist allerdings, dass

Maria Peskoller und andere Gruppenmitglieder bereits unter ständiger Gestapobeobachtung

standen.

Als erstes, am 11. November, wurde Maria Peskoller mit ihren Töchtern Helga und

Roswitha, sowie Margarete Jessernig mit ihrer Tochter Greti verhaftet. Roswitha, damals

zwölf, wurde wieder entlassen und zunächst in die Obhut einer NSV-Schwester übergeben.

Durch ein Täuschungsmanöver gelang es ihr, diese abzuschütteln und sich zu Verwandten

durchzuschlagen, bei denen sie bis zu Kriegsende verblieb. Helga blieb in Gestapoeinzelhaft

und wurde schließlich mit ihrer Mutter in das Landesgerichtsgefängnis Klagenfurt überstellt.

Die drei Tage später erfolgte Verhaftung der flüchtigen Deserteure Erich Ranacher, Josef

Ribitsch und Heinrich Brunner, die versucht hatten, sich nach Lienz durchzuschlagen, dürfte

eher ein Zufallserfolg für die Gestapo gewesen sein. Nach den Erinnerungen von Ernst

Ranacher, dem jüngeren Bruder Erichs, hatte sich folgendes abgespielt:

„Da sind sie in Steinfeld zu einem Bauern Brot betteln gegangen und die haben ihnen nix

gegeben, sie sind dann weiter gezogen, der Erich mit drei anderen, sie waren zu viert. Und

der Bauer hat das angezeigt. Der Erich hat ja eine Waffe im Rucksack gehabt, sie sind dann

auf einer öffentlichen Straße verhaftet worden, weil der Bauer sofort die Anzeige gemacht

hat.“

Bei der Identität der vierten Person, die Ernst Ranacher anspricht, könnte es sich

möglicherweise um Maria Jennes gehandelt haben, die in Weißenstein eine „Aufwartestelle“

am Gendarmerieposten innehatte und – schenkt man der Anklageschrift Glauben – eine

engere Beziehung zu einem der drei Männer unterhielt. In Kellerberg wohnhaft, hatte sie

sich – ihre unverdächtige Stelle zu Nutze machend – ebenfalls an der Unterstützung der

Partisanen beteiligt. Eine Verbindung zur Gruppe lässt sich über Rosa Eberhard herstellen,

die ebenfalls aus Kellerberg stammte. Gegen die These, dass Maria Jennes mit den drei

Männern in Steinfeld gemeinsam verhaftet wurde, spricht ihre vergleichsweise milde

Bestrafung – sie wurde wegen unterlassener Anzeige zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Am 16. November wurde Josef Ranacher, Erichs Vater, verhaftet, am 18. der Klagenfurter

Kraftfahrer Josef Ermenz. Seine Verbindungen zur Gruppe ließen sich nicht genau klären.

Am 19. November erfolgte die Verhaftung von Rosa Eberhard und Valentin Klementin. Über

das Festnahmedatum des gebürtigen Kroaten Milan Jelič schweigen die Quellen, in der

Anklageschrift wird nur Mitte November vermerkt.

Von den insgesamt 13 verhafteten Personen überlebten lediglich fünf: Helga Peskoller, die

ohne Prozess bis April 1945 in Klagenfurt inhaftiert blieb, Maria Jennes, die zu drei Jahren

Gefängnis und Josef Ermenz, der zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Desgleichen

Margarete Jessernigs siebzehnjährige Tochter Greti, die zu zwei Jahren Jugendgefängnis

verurteilt wurde sowie Josef Ranacher, der zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Letzterer überlebte mit Glück. Als die InsassInnen des Zuchthauses Straubing in Bayern in

den letzten Kriegstagen zur Liquidation nach Dachau deportiert werden sollten, gelang

Josef Ranacher die Flucht.

 

V. Die Urteile des Deutschen Volksgerichtshofs

Der Deutsche Volksgerichtshof wurde 1934 eigens zur Aburteilung politischer Delikte, d.h.

zur Ausschaltung von politischen GegnerInnen des NS-Regimes eingerichtet. Die

Rechtssprechung wurde dabei sukzessive dem Grundsatz „Recht ist, was dem Volke nützt“

untergeordnet. Insbesondere unter der Präsidentschaft von Roland Freisler ab 1942

entwickelte sich der Volksgerichtshof zu einem Terrorinstrument erster Güte. Rechtsmittel

gegen Urteile des Volksgerichtshofes waren nicht zulässig, die einzige Möglichkeit, ein vom

Volksgerichtshof gefälltes Urteil umzuwandeln, war ein Gnadengesuch bei Hitler, dem

allerdings selten entsprochen wurde.

Dem Prozess gegen die Villacher PartisanInnen wurde, nachdem der aus dem „Altreich“

angereiste Volksgerichtshofpräsident persönlich den Vorsitz führte, seitens des NS-Regimes

große Bedeutung beigemessen. Dies erstaunt nur wenig, nachdem in Kärnten der

Partisanenkampf partout nicht in den Griff zu bekommen war und Anfang 1944 Teile

Kärntens von Himmler offiziell zum „Bandenkampfgebiet“ erklärt werden mussten. Die

Angst, dass sich dieser Widerstand auf andere Kärntner Gebiete ausdehnen könnte, war

dementsprechend groß – die Gelegenheit, die Verhaftung als „großen Schlag gegen das

Bandenunwesen“ zu verkaufen, für die Nazis überaus günstig.

Der Prozess gegen die Villacher PartisanInnen fand am 17. und 18. Dezember im

Landesgericht Klagenfurt statt, am 21. Dezember wurde die „Vollstreckbarkeit des Urteils“

bestätigt:

„Josef Ribitsch, Heinrich Brunner und Erich Ranacher haben als Bunkergemeinschaft

kommunistischer Deserteurbanditen im fünften und sechsten Kriegsjahr die ehrlich

arbeitende Bevölkerung zusammen mit ausländischen Arbeitern raubend terrorisiert und

auch das Leben eines anständigen Landwachtmannes auf dem Gewissen. Valentin

Clementin und Milan Jelic haben ihnen Waffen und Munition geliefert. Frau Maria Peskoller,

Frau Margarete Jessernig und Frau Rosa Eberhard gaben ihnen die Basis in der

Bevölkerung, ohne die sie ihr Verräterleben nicht hätten führen können. Frau Peskoller und

Frau Jessernig ließen sie immer wieder bei sich schlafen, führten ihnen ausländische

Arbeiter zu und halfen ihnen auch sonst. Frau Eberhard verband einen Verwundeten der

Bande, gab ihm eine Pistole u. gewährte Bandenmitgliedern Unterschlupf in ihrer Wohnung.

Sie alle haben sich dadurch volksverräterisch zu Handlangern unserer Kriegsfeinde gemacht.

Für immer ehrlos werden sie mit dem Tod bestraft.“

Am 23. Dezember 1944 wurden die Urteile in Graz vollstreckt, die Ermordeten am Grazer

Zentralfriedhof verscharrt. Die genaue Grabstelle der Hingerichteten konnte nie eruiert

werden.

Am 25. Jänner 1985 wurde in einer Entschließung des Deutschen Bundestags der

Volksgerichtshof einstimmig als „Terrorinstrument zur Durchsetzung nationalsozialistischer

Willkürherrschaft“ bewertet. Den Urteilen wurde dabei jede Rechtswirkung für die

Bundesrepublik Deutschland abgesprochen. Rechtsverbindlich wurden die Urteile des

Volksgerichtshofs und der Sondergerichte in Deutschland 1998 per Gesetz aufgehoben. In

Österreich ließ die offizielle Rehabilitierung von Deserteuren und Opfern der NS-Unrechtsjustiz weitere 29 Jahre auf sich warten. Erst im heurigen Jahr – am 7. Oktober 2009

– stimmte der Justizausschuss einem von SPÖ, ÖVP und Grünen gemeinsam eingebrachten

Gesetzesantrag zur Rehabilitierung von Deserteuren und Opfern der NS-Unrechtsjustiz

zu. Demnach gelten nun alle Entscheidungen des Volksgerichtshofs bzw. der Stand- und

Sondergerichte, sowie die Urteile der so genannten Erbgesundheitsgerichte, die zwischen

dem 12. März 1938 und dem Tag der Befreiung am 8. Mai 1945 ergangenen waren,

rückwirkend als nicht erfolgt:

„§4 (1) Alle Opfer gerichtlicher Unrechtsentscheidungen im Sinne des § 1, sowie jene, die –

ohne deswegen verurteilt worden zu sein – Akte des Widerstandes oder andere gegen das

NS-Unrechtsregime gerichtete Akte gesetzt und dadurch etwa als Widerstandskämpfer oder

insbesondere als Deserteure durch die bewusste Nichtteilnahme am Krieg an der Seite des

nationalsozialistischen Unrechtsregimes oder als so genannte ‚’Kriegsverräter’ zu dessen

Schwächung und Beendigung sowie zur Befreiung Österreichs beigetragen haben, sind

rehabilitiert.

(2) Ihnen und den Opfern anderer typischer nationalsozialistischer Unrechtshandlungen

sowie allen Opfern der politischen Verfolgung und deren Familien spricht die Republik

Österreich ihre Achtung aus.“

Damit dauerte es in Österreich 64 Jahre, bis sich die Zweite Republik durchringen konnte,

den Opfern der NS-Unrechtsjustiz – der Urteilsdiktion zufolge „für immer ehrlos“– in einer

langjährigen politischen Auseinandersetzung die ihnen gebührende Achtung und offizielle

Rehabilitierung zuzuerkennen.

 

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