Texte

Die Deportation der Kärntner Slowenen im April 1942

 

Lesung: Vorgetragen im Mai 2012 beim Denkmal der Namen anlässlich der alljährlichen Gedenkfeier.

 

Sprecher A

Am 14. April 1942 begann die gewaltsame Deportation slowenischer Familien in verschiedene Zwangsarbeitslager nach Deutschland. Die Deportation ermöglichte den Nationalsozialisten zwei Probleme mit einem Schlag zu lösen: 

Erstens die Ansiedlung der Kanaltaler im deutschen Reichsgebiet und

zweitens die „Bereinigung“ der Slowenenfrage in Kärnten.

Die Kärntner Slowenen wurden von der Aktion buchstäblich im Schlaf überrascht. 

 

Sprecher B

Der damals achtjährige Franc Černut aus Latschach  / Loče erinnert sich:

In der Früh, es dämmerte gerade, zog ich mich für den Kirchgang an. Ich ging immer zuerst ministrieren und dann in die Schule. Da sehe ich Schatten am Fenster vorbeihuschen. Dann war es für einige Augenblicke ruhig, ich hörte ein leises Gespräch. Auf einmal ging die Türe auf, meine Mutter stand dort auf der Schwelle. Obwohl es noch dämmrig war, erschien sie mir seltsam bleich und eingefallen. Sie hielt mir einen Zettel hin, ich wusste sie will etwas sagen, bringt es aber nicht heraus. Erst jetzt sah ich, dass im Hintergrund irgendwelche Personen standen, dann erst sah ich, dass es militärische Personen waren. Auf einmal weint die Mutter, umarmt mich und stößt hervor: „Schnell Franci, geh den Vater holen, geh“. Der Vater war schon im Sägewerk. Ich wollte sofort losrennen, da schrie ein Polizist hinter mir her: „Halt, halt“! Er wollte mich begleiten. Ich durfte den Vater nicht alleine holen, es traute mir nicht. Er ging den ganzen Weg mit mir. Ich war sehr aufgeregt. Ich wusste nicht was ich tun sollte. Ich ahnte, dass da etwas Grauenhaftes vor sich geht. Obwohl ich sonst eher schüchtern war, konnte ich in diesem Moment nicht anders und musste ihn fragen: „Was geschieht mit uns“? Er sagte nur: „Umsiedlungszeit ist gekommen“. 

 

Sprecher A

Auch die damals sechsjährige Katja Sturm aus Zinsdorf / Svinča vas erinnert sich an diese Gewaltaktion.

Auf einmal tauchten bewaffnete Soldaten auf. Ich erschrak furchtbar. Im Haus begann ein Geschrei und ein Weinen, die Tanten und die Mägde liefen wie verrückt hin und her, die Knechte waren außer sich. Alles, was ich begriff, war, dass man uns mit Gewalt wegbringen wollte. Ich stahl mich aus dem Haus und floh in den Wald, um mich zu verstecken. Aber die Mägde entdeckten mich und brachten mich zurück ins Haus. Dort war meine Mutter, die in aller Eile die Koffer packte, vor allem aber hatte sie damit zu tun uns Kinder anzuziehen. Meinen kleinen Bruder, der damals zweieinhalb Jahre alt war, meinen zweiten Bruder, der noch nicht fünf war, mich, die ich sechs Jahre alt war und meine Schwester, die gerade aus der Schule gekommen war. Aber das ging alles so schnell, ich kam gar nicht richtig zu mir, schon haben sie uns fortgetrieben: den Vater, die Mutter, die beiden Tanten und uns Kinder. Links und rechts von uns die brüllenden Soldaten mit ihren Gewehren und Pistolen. 

 

Sprecher B

15. April 1942

Bericht des Reichspropagandaamtes Kärnten über die Aussiedlung von Slowenen aus Kärnten. 

Wie bereits durch Zwischenberichtebekanntgegeben, hat im gemischtsprachigen Gebiet die Aussiedlung von Slowenen stattgefunden. Die Höfe wurden innerhalb von drei Tagen geräumt. Die ausgesiedelten Slowenen wurden in einem Barackenlager in der Nähe von Klagenfurt gesammelt, so dass bereits heute Abend der erste Transport mit 180 Personen abgeht. Gleichzeitig mit Beginn der Aussiedlung wurden auf deutschem Boden 224 Kanaltaler Bauern empfangen und sofort zur Weiterleitung in die nunmehr freigewordenen Herdstellen nach Klagenfurt gebracht. Es tritt nun die Aufgabe an uns heran, diese neuen Ansiedler propagandistisch zu betreuen, um ihnen das Rüstzeug für die notwendige innere Abwehr gegen die Einflüsse aus den windischen Bevölkerungskreisen zu geben. 

 

Sprecher A

Die slowenischen Familien wurden auf Lastwägen verfrachtet und  in ein Sammellager nach Ebenthal bei Klagenfurt überstellt. Im Laufe der nächsten Tage wurden sie in Viehwaggone gepfercht und in verschiedene Lager nach Deutschland deportiert. In seinem Buch „Das Kind das ich war“ erinnert sich der damals sechsjährige Andrej Kokot aus Köstenberg / Kostanje:

In der Dunkelheit bemerkten wir nicht, dass die Waggone, die wir betraten, keine Fenster, sondern nur kleine, vergitterte Luken hatten. Auf dem Boden lag Stroh. An den Wänden hingen Ketten. »Nun werden wir wie das Vieh abtransportiert«, sagte Vater. Die breiten Türen wurden mit großen eisernen Riegeln verschlossen. Ein schrilles Pfeifen war zu hören, und der Zug dampfte mit uns in die Nacht. Bald wurden wir müde und legten uns einer nach dem anderen ins Stroh und rückten zusammen. In Mutters Nähe fühlte ich mich geborgen und schlief bald ein.

Quietschende Bremsen und das Aufeinanderstoßen der Waggone rüttelten uns wach. Wir waren hungrig und durstig. Aber niemand kümmerte sich um uns. 

Nachdem unser Zug in zwei Hälften geteilt wurde ging die Fahrt weiter. Es folgten endlose Stunden. Halb im Schlaf vernahmen wir die Ansagen der Lautsprecher: »Nürnberg! Nürnberg!« Dann »Leipzig! Leipzig!« Und wieder das Rütteln, Keuchen und Fauchen der Lokomotive sowie das gleichmäßige Schlagen der Räder. Zwei oder dreimal bekamen wir Wasser und Brot. Je länger wir unterwegs waren, desto größer war unser Wunsch, dass die quälende Fahrt endlich ein Ende nähme. 

Endlich war es soweit. Im hohen Norden des damaligen Deutschen Reiches, unweit des Baltischen Meeres, blieb unser Zug stehen. Nun ging es zu Fuß und mit dem Fuhrwerk weiter bis wir die Ortschaft Rehnitz erreichten, wo unser Lager war. Als wir dastanden und die neue Umgebung betrachteten, kam ein kleiner dicker Mann in Uniform auf uns zu. »Heil Hitler«! begrüßten ihn die Soldaten, die uns hergebracht hatten. Ich verstand bald, dass er der Lagerführer war.

 

Sprecher B

Klagenfurt Dezember 1942.

Aus einer Rede des Gauleiters von Kärnten Dr. Friedrich Rainer über die weitere Germanisierung der Slowenen in Kärnten. 

Ich habe am 10. Oktober als Aufgabe für das Jahr 1943 der Partei die Beseitigung der sogenannten Kärntner Frage aufgetragen. 

Es handelt sich dabei vor allem darum:

Erstens: Die Bevölkerung von ganz Kärnten über die sogenannte Kärntner Frage aufzuklären und ihr die Notwendigkeit besonderer und harter Maßnahmen begreiflich zu machen. 

Zweitens: Die Bewohnerschaft des gemischtsprachigen Gebietes mit allen propagandistischen Mitteln so zu beeinflussen, dass sie sich zum Deutschtum bekennt.

Drittens: Die Notwendigkeit, diese Aktion durchzuführen, ergibt sich daraus, dass Kärnten mit Oberkrain ein Gebiet übernommen hat, das von 180.000 Slowenen bewohnt ist und wieder zur deutschen Grenzmark werden muss. Es werden daher im Laufe dieser Aktion auch harte Maßnahmen notwendig sein. Ich erwarte, dass sich die Partei wie einMann  davor stellt mit dem Bewusstsein, dass diese Maßnahmen von mir angeordnet und daher notwendig und unausbleiblich sind. Diese Maßnahmen werden es uns ermöglichen einen Grenzraum zu schaffen, der mit Menschen besetzt ist, die Träger besten deutschen Blutes und härtester nationaler Einsatzbereitschaft sind. 

 

Sprecher A

Nach der Befreiung setzte die Kärntner Landesregierung keine konkreten Schritte, die es den Vertriebenen ermöglicht hätte, in die Heimat zurückzukehren. Die Heimkehr blieb ihrer eigenen Findigkeit und Initiative überlassen. Einige kamen erst vier bis fünf Monate später zurück. 

Jože Partl aus Feistritz ob Bleiburg / Bistrica pri Pliberku, damals acht Jahre alt, erinnert sich an die Ankunft in Villach:

Im Juli kamen wir nach Kärnten. Wir wurden mit einem Zug nach Kärnten gebracht, und als wir in Villach ankamen, wollte man uns wieder zurückschicken, weil die provisorische Landesregierung uns nicht mehr zurücknehmen wollte. Wie wir das erfuhren, weiß ich nicht mehr genau. Irgendwie bekamen wir es jedenfalls heraus, dass wir keine Erlaubnis von der Landesregierung hatten, in Kärnten zu bleiben. Auf unsere Fragen bekamen wir die Antwort, dass wir keine Kärntner mehr seien, da uns die Nazis weggeschickt hätten. Daraufhin haben unsere Väter und Mütter es so organisiert, dass alles, was wir mithatten, aus dem Zug herausgetragen und auf dem Bahnsteig hingestellt wurde. Wir leerten den ganzen Zug. Den leeren Zug hätten sie zurückschicken können, aber uns nicht. So erzwangen wir das Dableiben. Wie gesagt, die Heimat empfing uns nicht mit offenen Armen. 

 

Sprecher B 

Reginald Vospernik, der damals acht Jahre alt war, schreibt über seine Ankunft zu Hause in Föderlach / Prodravlje:

Als wir Ende September nach Hause kamen, kann ich mich noch an die Kukuruzfelder erinnern, die damals reif für die Ernte waren. Für den Kanaltaler war unsere Rückkehr natürlich ein Schock. Er musste nun fort, und er bat meine Mutter, ob er noch bleiben könnte. Natürlich konnte man ihn nicht von heute auf morgen hinausscheißen und meine Mutter sagte zu. Er hatte dann eine komplette Wohnung für sich und seine Familie, sodass wir direkt etwas beengt waren. Er blieb dann nicht, wie ursprünglich vorgesehen, zwei bis drei Wochen, sondern sieben Jahre. Die Mutter brachte es nicht übers Herz ihm zu sagen: „Hörst du, jetzt sucht euch endlich etwas“. Er trat meiner Mutter gegenüber ziemlich frech auf, gerierte sich eigentlich noch immer als Hausbesitzer, als einer, der das Recht hatte, hier zu sein. Das war ein ziemlich bitteres Erlebnis. 

Dann kamen die Kommissionen, die sahen sich das Haus an und stellten die Schäden fest. Es waren recht hohe Schäden entstanden während dieser Aussiedlungsjahre. Die Böden waren teilweise durchgefault, weil kaputte Wasserleitungen nicht repariert worden waren. Ursprünglich hätte die Entschädigung 20.000 Schilling ausmachen sollen. Dieser Betrag wurde im ersten Revisionsverfahren auf 12.00 Schilling vermindert, dann wurde er noch einmal auf 9.000 Schilling reduziert. Die wurden eine Woche vor der großen Geldentwertung ausbezahlt, sodass die Entschädigung im Endeffekt 3.000 Schilling betrug.

 

Quellen: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Spurensuche, Wien 1990. Andrej Kokot, Das Kind das ich war, Drava Verlag.

 

Hans Haider, März 2012

 

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