Texte

ERINNERN, GEDENKEN, WIDERSTEHEN

Rede zur Verleihung des Kulturpreises 2016 der Stadt Villach an den Verein ERINNERN

 

Dober večer, spoštovane dame in gospodje, drage prijateljice in dragi prijatelji!

Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren, liebe FreundInnen und Freunde!

 

Es ist mir eine große Ehre, die heutige Ansprache zur Verleihung des Kulturpreises der Stadt Villach an den Verein ERINNERN halten zu dürfen. Es ist das erste Mal, dass nicht eine Einzelperson, sondern eine Organisation ausgezeichnet wird. Das ist eine sehr gute Entscheidung, und sie kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Der Verein ERINNERN hat seine Arbeit auf den drei Leitlinien Erinnern, Gedenken, Widerstehen aufgebaut, und an diesen Leitlinien möchte ich mich auch in meiner Rede orientieren.

Erinnern

Erinnern ist der Nameund das Motto des Vereins, der heute geehrt wird. Erinnern umreißt seine Ziele und seine Tätigkeit. Erinnern ist schließlich ein Imperativ, mit dem der Verein die Öffentlichkeit immer wieder wachrüttelt.

Erinnern – damit ist allerdings kein allgemeiner Appell gegen das Vergessen gemeint. Es handelt sich vielmehr um die Verpflichtung, eine schwierige, eine schmerzhafte Erinnerung auf sich zu nehmen. Es ist dem Verein ERINNERN auch niemals bloß darum gegangen, das Nicht-Erinnern an die Verbrechen der NS-Zeit zu überwinden, sondern darum, das Schweigen zu brechen! Das heißt, das, was man eigentlich ohnehin weiß oder wissen könnte, auch tatsächlich sich vor Augen zu führen, und das, was man wissen sollte, auch wissen zu wollen, es also zu erforschen und zu untersuchen; und schließlich das, was die jungen Generationen nicht wissen können, wenn es ihnen nicht gesagt wird, zu sagen, und es jeder neuen Generation immer wieder neu zu sagen. Und dafür eine Sprache zu finden, in der das Unsagbare sagbar wird, in der das Unerhörte verständlich wird und gehört werden kann.

Erinnern ist eben nicht nur das Gegenteil von Vergessen – sondern es setzt auch ein ganz konkretes Erinnern – die Erinnerung an die Verbrechen des Nazi-Regimes und unter dem Nazi-Regime, an die Opfer sowie an den Widerstand dagegen – es setzt eben dieses Erinnern einer Haltung entgegen, die unser Land und unsere Stadt niemals als Täter, sondern nur als erstes Opfer Adolf Hitlers erinnern wollte.

Gedenken

Als öffentlicher Akt, als kulturelle und politische Praxis wird das Erinnern zum Gedenken. Gedenken – das ist keine der Pietät geschuldete Pflichtübung, obwohl die Trauer um die Opfer des Nazi-Regimes eine wesentliche Rolle spielt. Gedenken heißt auch vom Blickwinkel der Vergangenheit einen kritischen Blick auf unsere Gegenwart zu werfen. Das hat wohl auch der Philosoph Walter Benjamin getan, in dem Augenblick, als das NS-Regime gerade an die Macht gekommen war. Damals hat Benjamin gesagt:

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ›wie es denn eigentlich gewesen ist‹. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt. […] In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen.“

(Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte)

Diese Arbeit hat der Verein ERINNERN in vorbildlicher Art und Weise geleistet. „Mittlerweile gehört eine Kultur des Gedenkens zu einem wichtigen Bestandteil des öffentlichen Lebens in unserer Stadt“, heißt es denn auch in der Begründung für die Auszeichnung. Das ist richtig. Denn das Denkmal der Namen und die zahlreichen weiteren Aktivitäten des Vereins ERINNERN sind heute eine Selbstverständlichkeit in Villach. Aber es ist keineswegs selbstverständlich, dass sie zu einer Selbstverständlichkeit geworden sind. Es war ein mühsamer, steiniger Weg, und anfangs musste man auch einige Rückschritte hinnehmen. Es galt, dreierlei Aufgaben zugleich in Angriff zu nehmen: Wissen zu schaffen, über das, was in Villach geschehen war, politische Überzeugungsarbeit zu leisten, dass dieses Wissen einen Platz in der Öffentlichkeit erhält und gesellschaftliche Aufklärung zu betreiben, nicht nur unter der Schuljugend.

Wissen schaffen: Man muss sich einmal die Ausgangssituation vor Augen halten. Vor etwas über 20 Jahren, als der Verein (bzw. sein Proponentenkomitee) im Jahre 1994 seine Arbeit aufnahm, war selbst den Interessierten kaum etwas von der Diskriminierung, der Verfolgung, der Vertreibung und der Ermordung von Jüdinnen und Juden, von Sinti, Roma, Sloweninnen und Slowenen, Widerstandskämpferinnen und -kämpfern und anderen Missliebigen in unserer Stadt bekannt. Es gab nicht nur eine Kultur des Nichtgedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, sondern es herrschte auch der Eindruck, dass es bei uns kaum welche gegeben habe, da man doch nichts über sie wisse … Hans Haider, der Initiator der Erinnerungsbewegung, hat einmal zu mir gesagt: „Erst als ich begonnen habe, Zeitzeugen aus der NS-Zeit in meine Schule einzuladen, bin ich draufgekommen, dass ich eigentlich nichts weiß …“.

Die Tatsache, dass kein Wissen über die Menschen, die verfolgt und ermordet wurden, zur Verfügung stand, war Ausdruck von gesellschaftlicher Gleichgültigkeit und vielleicht sogar Verachtung. Die Opfer, die vertrieben oder ermordet, also ausgelöscht wurden, sind somit ein zweites Mal ausgelöscht worden, indem keine Erinnerung an sie ermöglicht wurde.

Zunächst musste also ein neues Wissen generiert werden, und das ist dem Verein vor allem dank der Hilfe der Historikerin Andrea Lauritsch gelungen, deren akribische Namensforschung den entscheidenden Grundstock für das Denkmal und somit für alle anderen Vereinsaktivitäten schuf. Wieviel zu finden war und ist, hat wohl alle Beteiligten selbst überrascht. 1994, als der Verein erstmals an die Öffentlichkeit trat, brachte er eine Broschüre mit gerade mal ein paar dutzend Namen heraus. Im Jahre 1999 wurde das Denkmal mit bereits 64 Namen eingeweiht. Schrittweise folgten vier weitere Erweiterungen. Heute sind auf dem Denkmal die Namen und Lebensdaten von 336 Opfern vermerkt – Opfer der NS-Euthanasie, Sinti, Jüdinnen und Juden, Sloweninnen und Slowenen sowie Widerstandskämpferinnen und –kämpfer. Und die Forschung geht weiter. Inzwischen sind bereits weitere Namen verfügbar.

Orte und Rituale: Gedenken braucht aber auch Gedenkorte und es braucht Rituale, die an diesen Orten ausgeübt werden können. Deswegen setzte sich der Verein von Anfang an dafür ein, dass auch ein Ort des öffentlichen Gedenkens für diese wachsende Zahl der Opfer geschaffen wurde. Sehr bald kam die Idee auf, ein Denkmal mit den Namen der Opfer im Zentrum der Stadt zu errichten. Davon wollten aber die politischen VertreterInnen der Stadt zunächst überhaupt nichts wissen. Manche scheuten sogar den Hinweis auf den Nationalsozialismus und schlugen ein Denkmal „für die Opfer der Gewalt“ vor. Andere fanden es problematisch, konkrete Namen zu nennen. Dem hielt der Verein die Worte des tschechischen Schriftstellers Widerstandskämpfer Julius Fučík entgegen, der 1943 selbst vom NS-Regime hingerichtet worden war:

„Ich möchte, daß man weiß: daß es keinen namenlosen Helden gegeben hat, daß es Menschen waren, die ihren Namen, ihr Gesicht, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnung hatten, und daß deshalb der Schmerz auch des letzten unter ihnen nicht kleiner war als der Schmerz des ersten, dessen Name erhalten bleibt. Ich möchte, daß sie Euch allen immer nahe bleiben, wie Bekannte, wie Verwandte, wie ihr selbst.“

(Julius Fučík: Reportage unter dem Strang geschrieben)

In dieser Situation war es ein kluger Schachzug von Hans Haider, ein provisorisches und mobiles Denkmal aus Holz auf den Hauptplatz zu stellen. So konnte die Bevölkerung einen sinnlichen Eindruck von dem geplanten Monument gewinnen. Die große Resonanz darauf hat die Akzeptanz der Denkmalidee sehr gefördert – ebenso wie die Unterstützung durch den Klagenfurter Universitätsprofessor Peter Gstettner, selbst ein Pionier der Erinnerungsarbeit. Wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, war er es, der ganz im Sinne Fučíks die Formel geprägt hat: Sie lebten nicht namenlos und sie starben nicht ehrlos. Das hat sehr zum Umschwung in der politischen Öffentlichkeit beigetragen.

Dass dieser Umschwung eingetreten ist, ist schließlich dem damaligen Bürgermeister von Villach, Helmut Manzenreiter, zu verdanken, der früh die Zeichen der Zeit erkannt hatte und für die nötige politische Unterstützung sorgte. Seither kann sich der Verein des permanenten Rückhalts für seine Arbeit durch die Stadt Villach, und zwar unabhängig von den einzelnen politischen Parteien, erfreuen.

Schließlich konnte, nach fünfjähriger Arbeit, das Denkmal auf einem öffentlichen Platz, im Zentrum der Stadt, errichtet werden. Der leider bereits verstorbene Künstler Heinz Aichernig hat es entworfen und in seiner ganzen eindrücklichen Schlichtheit gestaltet.

Damit komme ich nun endlich zum eigentlichen Protagonisten der Villacher Erinnerungsbewegung, ohne den es weder Erinnerungsarbeit noch Denkmal geben würde – nämlich Mag. Hans Haider, den Villacher Gymnasialprofessor und ehemaligen Gemeinderat. Jeder, der einmal in dieser Weise tätig war, weiß es aus Erfahrung: Es besteht eine riesige Kluft zwischen einer Idee und ihrer Ausführung, zwischen stillem Dahinwerken und öffentlicher Aufmerksamkeit, zwischen privater Erinnerung und öffentlichem Gedenken. Diese Kluft geschlossen zu haben, das macht das Verdienst von Hans Haider aus! Er hat die Aktivistinnen und Aktivisten zusammengetrommelt, er hat sie mit seiner Begeisterung angesteckt, er hat es ausgehalten, dass die Diskussionen oft in verschiedene Richtungen liefen, er ist eingesprungen, als der Elan von so mancher und so manchem sich abzuschwächen drohte; er hat die Knochenarbeit der Behördenwege auf sich genommen und Mandatare und Meinungsträger überzeugt; er hat selbst Namensforschung betrieben und ist unzähligen Spuren nachgegangen, hat verschollene Dokumente aufgetrieben und Kontakte mit Angehörigen der Opfer hergestellt; er hat unermüdlich seine Erfahrungen an immer neue Gruppen von Jugendlichen weitergegeben; er hat den Blick über die Grenzen, nach Slowenien und Italien, gerichtet, hat Exkursionen organisiert und Netzwerke geknüpft; er hat immer neue Ideen entwickelt, wie das Gedenken auf eine bessere und breitere Basis gestellt werden könnte, er hat eine international beachtete Homepage aufgebaut und wartet sie ständig; er hat Villach zu einem Knotenpunkt und Vorbild bei der kommunalen Aufarbeitung der NS-Zeit gemacht, er hat junge HistorikerInnen beflügelt, sich der Erinnerungsarbeit anzunehmen. Man kann wohl sagen, er hat das Erinnern zu seinem Lebenswerk gemacht. Wenn heute der Verein ERINNERN geehrt wird, dann soll keineswegs der Anteil aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Vereins, die stets freiwillig und unentgeltlich arbeiten und oft selbst finanzielle Opfer bringen, geschmälert werden. In erster Linie aber, so meine ich, kommen das Verdienst und die Ehre dem Obmann des Vereins, Mag. Hans Haider, zu!

Durch das Denkmal ist es erst möglich geworden, ein ständiges, wiederkehrendes Gedenken als ein wichtiges Ritual zu etablieren. Damit ist auch so manchen Angehörigen der Opfer ein Ort gegeben worden, an dem sich ihre Trauer festmachen kann. Und uns allen ein Kraftort, der den Ausgangspunkt für die zahlreichen weiteren Aktivitäten, in der Bildungsarbeit und darüber hinaus, darstellt.

 

Widerstand

Die Arbeit des Vereins ist heute so wichtig wie eh und je, wenn nicht sogar wichtiger. Und das nicht nur deshalb, weil das Erinnern immer wieder gestört und infrage gestellt wird. Vierzehnmal ist das Denkmal der Namen angegriffen und beschädigt worden. Ob sich die Täter auch im Klaren waren, dass sie damit nicht nur ein politisch fragwürdiges Zeichen setzen, sondern auch das Andenken von Menschen, die schon einmal zum Opfer gemacht wurden, besudeln?

Was aber wohl noch mehr beunruhigt, ist, dass trotz der vorbildlichen Gedenkkultur manche Verhaltensmuster wieder aufleben, die uralt sind, und keineswegs nur typisch für den Nationalsozialismus, die aber von ihm in besonders perfider und perfekter Weise benutzt wurden: nämlich das Aussondern von Menschen, ihre Stigmatisierung als gefährlich und als Bedrohung. Damals hieß es: „Die Juden sind unser Unglück“, und es wurde ein klarer Trennstrich zwischen „Uns“ und „Denen“ gezogen. Heute gibt es die Tendenz, alles Negative auf die Menschen zu projizieren, die als Geflüchtete bei uns Schutz suchen, sie allzu schnell und pauschal zu verdächtigen, aufgrund einer anderen Religion oder einer anderen Kultur und Geschichte eine Gefahr, eine Bedrohung für unsere Lebensweise darzustellen. Doch unser Umgang mit denen, die am Rande stehen oder an den Rand gestellt werden, ist ein Gradmesser, ein Lackmus-Test für unseren demokratischen Reifezustand. Auch das können wir von der Tätigkeit des Vereins ERINNERN lernen. Erinnern ist auch Widerstand – Widerstand gegen jegliche Art von Diskriminierung.

 

In diesem Sinne und abschließend: Ein herzliches Dankeschön! Der Verein ERINNERN hat uns die Vergangenheit wieder zugänglich gemacht. Er hat damit unserer Gegenwart die Würde zurückgegeben. Er trägt dazu bei, der Zukunft einen Sinn zu geben. Und er bietet uns allen ein Beispiel: Gute Absichten sind gar nichts wert, solange sie nicht in gute Taten münden. Oder, wie es der österreichische Philosoph Günther Anders auf eine Formel gebracht hat:

„Minus Handlung ist das Gewissen einfach nichts.“

(Günther Anders: Die atomare Drohung)

Der Verein ERINNERN hat vielen Menschen Mut gemacht. Denn er hat uns die ermutigende Erkenntnis vermittelt: Es ist möglich, etwas zu bewegen, etwas zum Guten zu verändern. Danke, Hans Haider, danke Verein ERINNERN!

 

 

 

Werner Wintersteiner, 29. 9. 2016

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