Texte

 

Superintendent Mag. Joachim Rathke

 

Ansprache gehalten am 24. Sept. 1999 anläßlich der   Denkmalenthüllung des Denkmals der Namen

 

 

Der Verein „Erinnern“ hat sich eine zutiefst menschliche Aufgabe gesetzt: Durch das „Denkmal der Namen“ sollen wir die jüngere Vergangenheit erinnern, in uns aufnehmen, sie verinnerlic hen und sie uns so erst zu Eigen machen. Ich bin dankbar, dass ich auf diese Weise von 64 Menschen erfahre, an denen ich bisher vorüber gelebt habe, die mich nun aber schmerzhaft erinnern, was das eigentlich für sie geheißen hat: Eine Lippe zu riskieren, sich im Widerstand nicht erwischen zu lassen, Angst auszustehen, weil man unheilbar krank ist oder der falschen Rasse oder Religion angehört, weil man zu seiner verbotenen Partei oder verdrängten Volksgruppe steht. Die Angst, der Schmerz der Trennung von der Familie, die Gefangenschaft, der Tod waren für alle gleich: Für den Sozialdemokraten, den Christlich-Sozialen wie den Kommunisten; für den Zeugen Jehova wie für den Kriegsdienstverweigerer und den Deserteur; für den Widerstandskämpfer und den Menschen mit nazifeindlicher Gesinnung; für Juden, Roma und Sinti wie für Epileptiker; für den katholischen Priester wie für den Nationalsozialisten, die beide die Führung kritisierten. Sie haben allesamt mit dem Tod bezahlt, weil sie anderer, menschlicher Meinung waren. Sie erlitten nicht ihr Schicksal, sondern wurden Opfer eines Verbrechens. Als Bürger dieser Stadt sind wir Erben dieser Geschichte, wir sind Erben einer Verantwortung. Wenn wir schon nicht Schuld sind, so tragen wir doch die Schuldigkeit. Wie gedenken wir der Opfer? Dieses Denkmal will uns erinnern: Wir erben den Auftrag, was jene, die zu Opfern wurden, in ihrem abgeschnittenen Leben nicht haben ausrichten können, zu tun: Die Menschenrechte zu üben. Die müssen uns unantastbar sein – für jeden, Groß und Klein, als Bürger und als Verantwortliche für Stadt und Land und Staat – die Menschenrechte seien uns allen heilig. Lasst mich mit zwei Bitten enden: Vater unser im Himmel, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung. Amen.

 

 

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