Texte

AUS DEM GEDÄCHTNIS IN DIE ERINNERUNG HOLEN

 

Abschied von Jožek Kokot

 

Sprecher A

Einsatzbefehl des Reservepolizeibataillons 171 für die Umsiedlung von Slowenen aus Kärnten. Lees, den 11. April 1942

1.) Das Reservepolizei-Bataillon 171 führt ab 13. 4. 1942 eine Aussiedlung in Kärnten durch und ist für die Dauer der Aktion dem SS-Brigadeführer Hintzeunterstellt. Insgesamt werden  1200 Personen ausgesiedelt.

2.) Bei den Aussiedlern handelt es sich um deutsche Reichsangehörige, die aus politischen Gründen ausgesiedelt werden.

3.) Beginn der Aussiedlung hat schlagartig am 14. 4. 1942 um 5.00 Uhr in der Früh zu erfolgen und muss spätestens am 15. 4. 1942 im Laufe des Tages beendet sein.

4.) Die Aussiedler werden mit Eisenbahnzügen in das Altreich überführt. 

5.) Die Kompanien melden täglich nach Abschluss der Aussiedlung die Anzahl der  ausgesiedelten Personen.

 

Sprecher B

Am 14. April 1942 begann die gewaltsame Vertreibung bzw. Deportation slowenischer Familien in verschiedene Zwangsarbeitslager nach Deutschland. Die Deportation ermöglichte den Nationalsozialisten zwei Probleme mit einem Schlag zu lösen: 

Erstens die Ansiedlung der Kanaltaler im deutschen Reichsgebiet und

zweitens die „Bereinigung“ der Slowenenfrage in Kärnten.

Die Kärntner Slowenen wurden von der Aktion buchstäblich im Schlaf überrascht. 

Betroffen von dieser Deportation war auch die Familie Kokot aus Köstenberg. 

Andrej Kokot, das jüngste Kind dieser Familie erinnert sich:

 

Am Morgen weckte uns lautes Getöse, Pochen an der Haustür, Hundegebell und Rufe: »Aufmachen! Aufmachen!« Erschrocken beobachteten Mici und ich das Geschehen in der Laube. Wir sahen Männer in Uniformen, die Vater und Mutter und den älteren Geschwistern ins Gesicht leuchteten und etwas erklärten. Wir verstanden nicht, wovon sie redeten, wussten aber gleich, dass etwas Ungewöhnliches vorging. Fragend blickte ich in das verwirrte Gesicht meiner Mutter. Mit zitternder Stimme sagte sie leise: »Wir müssen fort«. Die Soldaten zwangen Vater und Mutter, Kleider und das Notwendigste zusammenzuraffen. Ich hatte furchtbare Angst und zitterte am ganzen Körper. Während die anderen hin und her rannten und die Sachen suchten, lehnte ich mich an die Tür zur Räucherkammer und starrte auf die Soldaten, die mit ihren Gewehren in der Laube und im Hof umhergingen. Als Vater und Mutter die gesammelten Sachen in Leinensäcken verstaut hatten und der Abmarsch bevorstand, fragte Mutter außer sich, was denn mit Jožek, der als Knecht beim Kuchling arbeitete, nun geschehen solle? Der Hauptmann gab den Befehl, ihn zu holen. 

Als Jožek mit seinem Bewacher nach Hause kam,  stellte ihn der Hauptmann vor die Wahl, als Knecht beim Kuchling zu bleiben oder mit der Familie vertrieben zu werden. Jožek überlegte nicht lange und sagte: »Wenn unsere Familie von zu Hause weg muss, gehe auch ich«!

Als wir den Hof verließen, brüllte das Vieh im Stall, als ob es von uns Abschied nehmen wollte. Vor den Häusern standen Leute und schauten schweigend zu, wie wir von Soldaten bewacht das Dorf verließen. 

 

Sprecher C

Aus dem Bericht des Reichspropagandaamtes Kärnten über die Aussiedlung von Slowenen aus Kärnten. Veldes den 15. April 1942

 

Wie bereits durch Zwischenberichtebekanntgegeben, hat im gemischtsprachigen Gebiet die Aussiedlung von Slowenen stattgefunden. Die Höfe wurden innerhalb von drei Tagen geräumt. Die ausgesiedelten Slowenen wurden in einem Barackenlager in der Nähe von Klagenfurt gesammelt, so dass bereits heute Abend der erste Transport mit 180 Personen abgeht. Aus den bisher eingegangenen Berichten ist die Aussiedlung reibungslos vor sich gegangen. Gleichzeitig mit Beginn der Aussiedlung wurden auf deutschem Boden 224 Kanaltaler Bauern empfangen und sofort zur Weiterleitung in die nunmehr freigewordenen Herdstellen nach Klagenfurt gebracht. Es tritt nunmehr die Aufgabe an uns heran, diese neuen Ansiedler propagandistisch besonders intensiv zu betreuen, um ihnen das Rüstzeug für die notwendige innere Abwehr gegen die Einflüsse aus den windischen Bevölkerungskreisen zu geben. Es muss damit gerechnet werden, dass gerade an diese Menschen von slowenisch gesinnten Kreisen Feindpropaganda herangetragen wird. 

 

Sprecher D

Die Familie Kokot und die anderen slowenischen Familien wurden einen Tag später in Viehwaggone gepfercht und in verschiedene Lager nach Deutschland deportiert. 

In seinem Buch „Das Kind das ich war“ schreibt Andrej Kokot:

 

In der Dunkelheit bemerkten wir nicht, dass die Waggons, die wir betraten, keine Fenster, sondern nur kleine, vergitterte Luken hatten. Auf dem Boden lag Stroh. An den Wänden hingen Ketten. »Nun werden wir wie das Vieh abtransportiert«, sagte Vater. Die breiten Türen wurden mit großen eisernen Riegeln verschlossen. Ein schrilles Pfeifen war zu hören, und der Zug dampfte mit uns in die Nacht. Bald wurden wir müde und legten uns einer nach dem anderen ins Stroh und rückten zusammen. In Mutters Nähe fühlte ich mich geborgen und schlief bald ein.

Quietschende Bremsen und das Aufeinanderstoßen der Waggons rüttelten uns wach. Wir waren hungrig und durstig. Aber niemand kümmerte sich um uns. Jožek, der an der Luke stand, sagte, dass wir in einem großen Bahnhof angekommen wären. Er hob mich zur Luke, damit ich einen Blick hinauswerfen konnte. Nachdem unser Zug in zwei Hälften geteilt wurde ging die Fahrt weiter. Es folgten endlose Stunden. Halb im Schlaf vernahmen wir die Ansagen der Lautsprecher: »Nürnberg! Nürnberg!« Dann »Leipzig! Leipzig!« Und wieder das Rütteln, Keuchen und Fauchen der Lokomotive sowie das gleichmäßige Schlagen der Räder. Zwei oder dreimal bekamen wir Wasser und Brot. Je länger wir unterwegs waren, desto größer war unser Wunsch, dass die quälende Fahrt endlich ein Ende nähme. Ich hatte genug vom Sitzen und Wälzen im Stroh und konnte die stickige Luft kaum ertragen. Endlich war es soweit. Im hohen Norden des damaligen Deutschen Reiches, unweit des Baltischen Meeres, blieb unser Zug stehen. Nun ging es zu Fuß und mit dem Fuhrwerk weiter bis wir die Ortschaft Rehnitz erreichten, wo unser Lager war. Als wir dastanden und die neue Umgebung betrachteten, kam ein kleiner dicker Mann in Uniform auf uns zu. »Heil Hitler«! begrüßten ihn die Soldaten, die uns hergebracht hatten. Ich verstand bald, dass er der Lagerführer war.

 

Sprecher E

Das Leben im Lager wurde bestimmt von der Laune der Lagerleitung. Außer die Mütter mit kleinen Kindern und die nicht mehr arbeitsfähigen alten Menschen, wurden alle Anderen zur Zwangsarbeit verpflichtet. Der sechsjährige Andrej erinnert sich:

 

Nach dem Appell versammelten sich die Männer im Hof. Der Lagerführer und sein Gehilfe

teilten die Versammelten in mehrere Gruppen auf und gaben ihnen die Anweisungen zur Arbeit. In jener Gruppe, die einen Pflug auf einen Leiterwagen geladen hatte, waren auch Vater und Jožek. Anstatt ein Pferd vorzuspannen, mussten die Männer Riemenbänder an der Deichsel befestigen, über die Schultern legen und losfahren. Wir schauten dem Menschengespann nach, bis es am anderen Ende des Ackers war. Die Männer nahmen den Pflug vom Wagen, befestigten daran das Seil und schleppten ihn in unsere Richtung. Das schien mir sehr ungewöhnlich, denn zu Hause pflügten wir den Acker mit einem Ochsengespann. Hier aber mussten Vater und Jožek mit anderen Männern als Gespann den Acker pflügen. Als sie bei uns ankamen, machten sie kehrt und setzten den Pflug wieder in die schwere, lehmige Erde. Unter lautem Kommandoruf spannten sie den Strang und zogen kräftig an. Der Lagerführer schaute lachend zu, wie die Männer schwitzten und sich mit dem Pflügen plagten. Es dämmerte schon, als die Männer von der schweren Arbeit zurück kamen und im Hof die Fuhre abluden. Als wir im Zimmer waren, klagte Vater: »Hier hat man uns zu Arbeitstieren erniedrigt. Die Herren reiten mit ihren vollen Bäuchen auf den Pferden, lachen uns aus und behandeln uns wie Sklaven«. 

 

Sprecher A

Aus einer Rede des Gauleiters von Kärnten Dr. Friedrich Rainer über die weitere Germanisierung der Slowenen in Kärnten. Klagenfurt Dezember 1942.

 

Ich habe am 10. Oktober als besondere Aufgabe für das Jahr 1943 der Partei die Beseitigung der sogenannten Kärntner Frage aufgetragen.Bei der Durchführung dieses Befehles wird die Propaganda einen erheblichen Teil unserer Arbeit ausmachen.  

Es handelt sich dabei vor allem darum

1.) die Bevölkerung von ganz Kärnten über die sogenannte Kärntner Frage aufzuklären und ihr die Notwendigkeit besonderer und harter Maßnahmen begreiflich zu machen und 

2.) die Bewohnerschaft des gemischtsprachigen Gebietes mit allen propagandistischen Mitteln so zu beeinflussen, dass sie sich zum Deutschtum bekennt.

Die Notwendigkeit, diese Aktion durchzuführen, ergibt sich daraus, dass Kärnten mit Oberkrain ein Gebiet übernommen hat, das von 180.000 Slowenen bewohnt ist und wieder zur deutschen Grenzmark werden muss. Wenn daher im Laufe dieser Aktion auch harte Maßnahmen notwendig werden sollten, so erwarte ich, dass sich die Partei wie einMann  davor stellt mit dem Bewusstsein, dass diese Maßnahmen von mir angeordnet und daher notwendig und unausbleiblich sind. Im Zuge dieser Maßnahmen wird es zu einer klaren Scheidung kommen, die es uns ermöglichen wird einen Grenzraum zu schaffen, der mit Menschen besetzt ist, die Träger besten deutschen Blutes und härtester nationaler Einsatzbereitschaft sind. 

 

Sprecher B

Für manche Vertriebene war das Lager nur der Anfang eines langen Kreuzweges durch Konzentrationslager und Zuchthäuser. Auch Jožek Kokot musste diesen Weg gehen.

 

Eines Tages wurden Jožek und noch einige Männer aus unserem Lager in die Ziegelfabrik Baden-Baden versetzt. Dort arbeiteten überwiegend Häftlinge aus Russland. Jožek konnte sich mit ihnen gut verständigen und lernte bald ihre Sprache. 

Nach einiger Zeit wurde Jožek völlig unerwartet von der Gruppe unserer Männer getrennt. Niemand wusste, warum er abgesondert wurde. Als wir am Abend warteten, dass er mit den übrigen Männern ins Lager komme, war Jožek nicht dabei. Waste sagte, er hätte ihn noch am selben Nachmittag mit den Russen auf der Laderampe gesehen. Wir hofften, dass er doch noch kommen würde. Langsam wurde es dunkel und kühl. Ich kroch Mutter auf den Schoß und konnte nicht verstehen, warum mein Bruder nicht kommt. Als ich Mutter erneut nach ihm fragte,erwiderte sie mit zitternder Stimme: »Er wird kommen, wenn nicht heute, kommt er morgen.«  Jožek kam auch am nächsten Abend nicht. Die Mutter fragte den Lagerführer nach ihm. Dieser wollte vorerst nichts sagen, dann aber erklärte er doch: »Jožek hatte zu viele Kontakte mit den Russen und wird deshalb in der Strafanstalt Rastatt einvernommen«. Niemand, auch nicht die Eltern, durften ihn besuchen. Wir warteten vergeblich auf Jožek.

 

Sprecher E

Nach der Befreiung setzte die Kärntner Landesregierung keine konkreten Schritte, die es den Vertriebenen ermöglicht hätte, in die Heimat zurückzukehren. Die Heimkehr blieb ihrer eigenen Findigkeit und Initiative überlassen. Vier Monate vergingen, bevor die Familie Kokot die Heimreise antrat. Andrej Kokot erinnert sich:

 

Während der Fahrt nach Kärnten beflügelte uns ein Gefühl von Selbstbewusstsein. Hinter uns lagen Jahre der Erniedrigung und des Leidens. Nun schauten wir einer neuen Zukunft entgegen, mit der festen Überzeugung, das Recht auf unserer Seite zu haben. Für unsere Familie war die Heimreise nicht nur von Freude erfüllt. Mit uns fuhr auch die Sorge, was mit unserem Jožek geschehen ist. In der Hoffnung, dass er überlebt habe fuhren wir der Heimat entgegen. Unsere Ankunft war nicht so, wie wir sie uns vorgestellt hatten. In Köstenberg hatte sich während unserer Abwesenheit nicht viel verändert. Wir erwarteten, dass man uns willkommen heißen würde. Aber nichts geschah, obwohl wir das Gefühl hatten, dass wir beobachtet wurden. Endlich standen wir vor unserem Gehöft. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl wieder zu Hause zu sein. Das Haus war leer, völlig leer. Kein einziger Stuhl, keine Bank waren da, um sich darauf setzen zu können. In der Küche fehlte der Herd. In den Schlafstuben waren keine Betten. Leer waren auch der Stall und die Scheune. Die Äcker waren kahl, die Wiesen gemäht und das Obst gepflückt. Unser Haus, nach dem wir uns so gesehnt hatten, schien auf einmal fremd und kühl. Es dauerte sehr lange, bis es Vater und Mutter gelungen war, das Nötigste zu besorgen, um das Haus wieder bewohnbar zu machen. Drinnen schlafen konnten wir erst, als uns der Nachbar Schuster die Betten zurückgebracht hatte. Langsam gewöhnten wir uns an das Leben im Dorf und wurden zum Bestandteil seiner Gemeinschaft. 

Im Frühherbst 1953 schickte der Bürgermeister den Gemeindeboten Jurki mit einem verschlossenen Briefumschlag zu uns. Er fand uns beim Kleehiefeln am Acker in der Nähe des Dorfes. Der Vater öffnete den dünnen Umschlag. Die Mutter näherte sich langsam, um zu sehen, welche Nachricht uns der Bote wohl gebracht hatte. Mit zitternder Stimme las der Vater: »Sterbeurkunde«. »Jožek«, sagte die Mutter, senkte ihr Haupt und sprach leise: »Jožek, unser Jožek ist tot«. Sie brach in sich zusammen. Wir alle waren zutiefst betroffen und wollten nicht wahrhaben, dass unser Bruder tot war. Aber so stand es in der Sterbeurkunde, schwarz auf weiß. Er wurde »auf Befehl des Reichsführers SS« am 

25. September 1944 um 16 Uhr 30 im Konzentrationslager Mauthausen erhängt.

 

Sprecher D

Jožek Kokot ist am 18. September 1923 in der Gemeinde Köstenberg geboren. 

Am 14. April 1942 wurde Jožek Kokot gemeinsam mit seinen Eltern und Geschwistern deportiert, weil er ein Slowene war. Im Lager Rastatt in Deutschland wurde Jožek Kokot von der Gestapo verhaftet, weil er mit russischen Häftlingen sprach. Am 4. September 1944 wurde  Jožek Kokot in das Konzentrationslager Loibl-Nord gebracht.  Am 21. September 1944 wurde Jožek Kokot in das Konzentrationslager Mauthausen überstellt. Vier Tage später, am 25. September 1944, wurde Jožek Kokot im Alter von 21 Jahren im Konzentrationslager Mauthausen von den Nationalsozialisten durch Aufhängen ermordet.

Wir gedenken an Jožef Kokot.

Hans Haider, Mai 2006

Quellen:

 

 

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