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DAS „RUSSENDENKMAL“ AUF DEM VILLACHER ZENTRALFRIEDHOF

EIN STÜCK KÄRNTNER HEIMATKUNDE

Auf dem Zentralfriedhof in Villach gibt es ein Denkmal, das an die Soldaten der ehemaligen sowjetischen Armee und an die Zivilbevölkerung der ehemaligen Sowjetunion erinnert. Die Inschrift, die in russischer Sprache verfasst ist, lautet in der deutschen Übersetzung:

 

Hier ruhen

Soldaten der sowjetischen Armee

und Zivilbevölkerung

umgekommen während des

des Vaterländischen Krieges

1941 – 1945

Ihnen ein ewiges Gedenken

 

Da es in Kärnten mit der Roten Armee keine kriegerischen Auseinandersetzungen gab, handelt es sich bei den sowjetischen Soldaten um Kriegsgefangene, die bei uns um ihr Leben gebracht wurden. Bei der „Zivilbevölkerung“ handelt es sich um Zwangsarbeiter – um Frauen und Männer, die vorwiegend aus der Ukraine und Russland verschleppt wurden, um bei uns Zwangsarbeit zu leisten. Kurz zusammengefasst sagt uns diese Inschrift, dass sich hier ein Massengrab befindet, in welchem Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter der ehemaligen Sowjetunion begraben sind.

Daraus ergeben sich folgende Fragen:

Befindet sich dort wirklich ein Massengrab?

Wann wurde das Denkmal errichtet und enthüllt?

Von wem wurde das Denkmal errichtet?

Weiß man, wie viele Menschen dort begraben sind?

Kennt man die Namen der Begrabenen oder wurden sie namenlos begraben?

War die Stelle, wo diese Menschen heute begraben sind, schon damals – während der Kriegszeit – ein Teil des Friedhofs?

Wo befand sich das Lager in Villach für die „russischen“ Kriegsgefangenen?

Eine diesbezügliche Anfrage seitens der Villacher Grünen im März 2010 an die damals zuständige Stadträtin Hilde Schaumberger führte nur zu einer teilweisen und lückenhaften Klärung dieser Fragen.

Ich zitiere die Antworten wörtlich:

Befindet sich dort wirklich ein Massengrab?

Tatsächlich befindet sich im Bereich des Obelisken die Grablege für Zwangsarbeiter und auch Kriegsgefangene. Die Anlage ist aus der Sicht unserer Historiker bedingt als Massengrab, eher als Gräberfeld zu bezeichnen.

Wann wurde das Denkmal errichtet und enthüllt?

Der Zeitpunkt ist mit unseren Archivunterlagen nicht genau feststellbar. Sie erfolgte vermutlich in den späten 40er-Jahren (1948 – 1950). Nur nebenbei ist in einer Zeitungsmeldung („Volkswille“ vom 4.11.1951) erwähnt, dass bei der Totenehrung der Stadt auf den Friedhöfen unter anderem beim Ehrenmal der gefallenen Sowjetbürger ein Kranz niedergelegt wurde.

Von wem wurde das Denkmal errichtet?

Die Errichtung erfolgte durch die sowjetische Besatzungsmacht.

Weiß man, wie viele Menschen dort begraben sind?

Laut Unterlagen des „Schwarzen Kreuzes“ sind dort sechs Gefallene, 37 Kriegsgefangene, 34 Sowjetbürger (gestorben 1941 – 1945) und 37 Sowjetbürger (gestorben 1945 – 1955), insgesamt daher 114 sowjetische Tote begraben.

War die Stelle, wo diese Menschen heute begraben sind, schon damals – während der Kriegszeit – ein Teil des Friedhofs?

Die Stelle beim Obelisken war im Krieg schon Teil des Friedhofs, wurde aber erst nach Kriegsende als Grablege herangezogen. Die Erstbestattungen von Zwangsarbeitern (und wohl auch Kriegsgefangenen) sind auch wegen des damals krassen Platzmangels am Friedhof hauptsächlich östlich knapp außerhalb des Friedhofs erfolgt.

Wo befand sich das Lager in Villach für die „russischen“ Kriegsgefangenen?

Über die Quartiere der sehr vielen Ausländer in Villach vor und nach dem Kriegsende gibt es überhaupt keine systematisch verlässlichen Unterlagen. Es gab in Villach keines der großen Kriegsgefangenenlager. Die weitaus überwiegende Zahl der hier vor dem Mai 1945 eingesetzten Ausländer waren Zwangsarbeiter sehr unterschiedlicher Herkunft und nur zum geringeren Teil Kriegsgefangene (Engländer, Russen). Die Zwangsarbeiter waren in vielen verschiedenen Villacher Barackenlagern und teils in Privatquartieren untergebracht. Die gleichfalls arbeitsverpflichteten Kriegsgefangenen (Russen, Engländer) unterlagen einer genaueren Bewachung.

Im Stadtrat am 13.7.1943 wird erwähnt, dass das Lager für russische Kriegsgefangene nun zum Straflager erklärt wurde und dass deshalb dort besondere Sicherungseinrichtungen, wie Einzäunung und Beleuchtung, notwendig waren. Die Situierung dieses Lagers wird dabei nicht ausdrücklich erwähnt. Aus der Sicht unserer Historiker war es vermutlich im Osten der Stadt, und zwar der Lagerkomplex an der Magdalener Straße im Bereich der heutigen Reitschulgasse, da dieses viel deutlicher als alle anderen Villacher Barackenlager auf einem vorhandenen Luftbild vom April 1945 von einem großen Plankenzaun umgeben ist.

Abschließend möchte ich noch einmal auf das sehr mangelhafte Quellenmaterial verweisen und betonen, dass die Feststellungen teilweise auf Vermutungen unserer Historiker beruhen.

Sowjetische Kriegsgefangene wurden namenlos begraben

Auf die Frage, ob man die Namen der Begrabenen kennt, ist man nicht eingegangen. Wohl deshalb, weil man diese nicht weiß. Dafür gibt es Gründe. In einem Rundschreiben hat das Reichsinnenministerium im Oktober 1941 bezüglich der Bestattung von Leichen sowjetischer Kriegsgefangener durch die Gemeinden festgelegt:

(…) Zur Feststellung des Todes sind, soweit leicht erreichbar, Ärzte der Wehrmacht heranzuziehen. Für die Überführung und Bestattung ist ein Sarg nicht zu fordern. Die Leiche ist mit starkem Papier (möglichst Öl-, Teer- oder Asphaltpapier) oder sonst geeignetem Material vollständig einzuhüllen. Die Überführung und Bestattung ist unauffällig durchzuführen. Bei gleichzeitigem Anfall mehrerer Leichen ist die Bestattung in einem Gemeinschaftsgrab vorzunehmen. Hierbei sind die Leichen nebeneinander in der ortsüblichen Grabestiefe zu betten. Auf Friedhöfen ist als Begräbnisort ein entlegener Teil zu wählen. Feierlichkeiten und ein Ausschmücken der Gräber haben zu unterbleiben. (…) Die Kosten sind so niedrig wie möglich zu halten. Sie sind von der Gemeinde vierteljährlich bei derjenigen Wehrkreisverwaltung anzufordern, in deren Bezirk die Gemeinde liegt“.

Die namenlose Bestattung sowjetischer Kriegsgefangener war also Vorschrift. Völlig unverständlich jedoch wäre die namenlose Bestattung von 37 Sowjetbürgern zwischen 1945 und 1955. Eher ist zu vermuten, dass es sich damals um Umbettungen von namenlos begrabenen sowjetischen Kriegsgefangenen handelt, die irgendwo, möglichst unsichtbar, in der Landschaft verscharrt wurden. Außerdem: Was bedeutet der Ausdruck „Gefallene“ in diesem Zusammenhang, wenn es in Kärnten keine kriegerischen Auseinandersetzungen mit der Roten Armee gab? Auch da drängen sich Vermutungen auf. Vielleicht sind es Bombenopfer? Oder auf der Flucht Erschossene?

Das Stammlager in Spittal an der Drau

Die Unterbringung in den deutschen Kriegsgefangenen-Lagern erfolgte grundsätzlich nach den Rassekriterien des „Dritten Reiches“, wobei am unteren Ende der NS-Werteskala die slawischen Kriegsgefangenen – Russen, Polen, Serben und Ukrainer – standen. Mehr als die Hälfte der sowjetischen Kriegsgefangenen kamen in deutscher Hand ums Leben. Sie starben an Hunger, Krankheiten, bei „medizinischen Versuchen“ oder wurden auf vielfältige Art ermordet. In Kärnten befanden sich zwei große Lager für sowjetische Kriegsgefangene – in Spittal an der Drau und in Wolfsberg. In den Gräberfeldern der ,,Russenfriedhöfe" Aich I und Aich II bei Spittal liegen laut Angaben des Schwarzen Kreuzes ungefähr 6000 Tote. Unterlagen über Todesursache und Datum des Todes sind nicht bekannt.

Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Spittal an der Drau war das Thema eines Beitrages im Volkswillen, dem Presseorgan der Kommunistischen Partei Kärntens, vom Herbst 1945:

Am Allerheiligentag des Jahres 1941kam der erste Transport von russischen Kriegsgefangenen in Spittal/Drau an. Wachen zum Abtransport wurden aufgestellt. Die Waggontüren wurden geöffnet und widerlicher Gestank schlug den Soldaten entgegen, sichtbarer Dunst wie eine Nebelwelle stieg empor und Menschenkot tropfte aus den Öffnungen der Waggontüren. Halbtote Menschen lagen zwischen Toten, bis zum Skelett abgemagerte Gestalten kauerten in den Winkeln der Waggons. Viele brachen beim Aussteigen vor Schwäche zusammen. Pferdewagen wurden bereitgestellt und Tote wie Halbtote wurden wie Holzklötze verladen. Soldaten schlugen auf die Menschen ein und endlich setzte sich der Trauerzug unter dem Schutz von Offizieren und Mannschaften mühsam in Bewegung. Die Kleidung dieser gequälten, Menschen bestand meist aus Lumpen und Papiersäcken, in denen früher einmal Zement gewesen war. Vor Hunger und Durst haschten die Gefangenen aus jeder Pfütze mit irgendeiner verrosteten Konservenbüchse oder nur mit bloßen Hand einige Tropfen Wasser; wehe aber jenem, der dabei erwischt wurde. Er konnte mit dem Gewehrkolben irgendeines Soldaten Bekanntschaft machen“. (…) Im Lager selbst herrschten die denkbar schlechtesten Zustände. Die Verpflegung bestand aus leerer Suppe. Die Gefangenen verbesserten sich die Verpflegung durch Grasbüschel, die sie an den Wegrändern ausrissen. Das Aufheben aber einer gefrorenen Rübe, die irgendwo im Lager herumlag, kostete dem Gefangenen das Leben oder er wurde von gewissen Posten oder Wachhabenden verprügelt. Täglich hörte man die Schreie verprügelter Menschen. Als die Zahl der Gefangenen und der Hunger immer größer wurden, brachen Epidemien aus. Nun starben sie wie die Fliegen. Jeden Tag fuhr ein Mistwagen mit Toten beladen in das sogenannte „Aicherwaldle“.

Wie propagandistisch gefärbt der Artikel auch sein mag – das abgrundtiefe Elend der ,,Russentransporte" und die äußerst schlechte körperliche Verfassung der ehemaligen Insassen des Stammlagers Spittal wurde realistisch beschrieben. Das zeigt die enorme Zahl an Toten dieser ersten Kriegsgefangenentransporte. Über 10 % der sowjetischen Kriegsgefangenen sollen bereits tot am Verladebahnhof angekommen sein.

Das Arbeitskommandolager für sowjetische Kriegsgefangene in der Magdalenerstraße

Wie aus der Antwort der Stadträtin Hilde Schaumberger hervorgeht, hat sich im Bereich Magdalenerstraße – Reitschulgasse ein Lager für „russische“ Kriegsgefangene befunden. Das deckt sich mit den Erinnerungen des Villachers Anton Engelhart, der damals 18 Jahre alt war. Bei einem Gespräch im März 2005 erzählte er mir: „In der Magdalenerstraße, dort wo heute die Gärtnerei Karl ist, hat es ein Russenlager gegeben. Ich war öfters dort, weil es dort eine fesche Polin, eine Zwangsarbeiterin, gegeben hat. Sie hat dort in der Küche gearbeitet. Ich hab bei ihr angebandelt. Einmal bin ich mit ihr sogar ins Kino gegangen. Das war lebensgefährlich. Ich sage dir, diese Russen waren arme Schweine. Halb verhungert. Unglaubliche Zustände. Schrecklich“.

Spätestens ab dem Jahr 1942 waren die Kriegsgefangenen für die Wirtschaft zu unverzichtbaren Arbeitskräften geworden. Die Stammlager (Stalag) hatten die Aufgabe, einen möglichst vollständigen Arbeitseinsatz der Kriegsgefangenen zu organisieren. Dabei wurde mit den zivilen Dienststellen, vor allem mit den Arbeitsämtern, kooperiert. Die Kriegsgefangenen wurden auf Arbeitskommandos, getrennt nach Nationen, verteilt und in der Industrie, im Bergbau, beim Bunkerbau, bei Aufräumungsarbeiten nach Bombenangriffen und in der Landwirtschaft eingesetzt. In Villach wurde zu diesem Zweck in der Magdalenerstraße ein eigenes Arbeitskommandolager für russische Kriegsgefangene eingerichtet. Wie aus der Niederschrift einer Ratsherrensitzung am 8. Juni 1943 hervorgeht kümmerte sich auch der NS-Oberbürgermeister Oskar Kraus höchstpersönlich um die Zuweisung von Arbeitssklaven: „Der Oberbürgermeister berichtet, dass er eine Dienstreise zum Sparkassenverband in Wien dazu benützt hat, um beim Leiter des Landesarbeitsamtes in Graz wegen Beistellung weiterer russischer Kriegsgefangener vorzusprechen. Diese Arbeitskräfte werden zur Fertigstellung der Aufschlussarbeiten für Wohnbauten, Errichtung der Löschwasserspeicher und sonstige kriegswichtige Arbeiten benötigt“.

Die Arbeitskommandos der sowjetischen Kriegsgefangenen unterlagen einer besonders strengen Bewachung. Der Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung war verboten. Wer es trotzdem wagte, musste mit der Deportation in ein Konzentrationslager rechnen. So erging es Josefine Kofler aus Villach Lind, die sowjetischen Kriegsgefangenen, die in diesem Stadtteil zum Bunkerbau eingesetzt waren, immer wieder ein Stück Brot oder eine Suppe zukommen ließ. Josefine Kofler wurde vom Blockwart denunziert, von der Gestapo verhaftet und in das KZ Ravensbrück deportiert, wo sie um ihr Leben gebracht wurde.

Hans Haider, Oktober 2012

 

Quellen: Anfrage an den Villacher Gemeinderat Mai 2010. Antwort von Stadträtin Hilde Schaumberger November 2010. Hubert Speckner, In der Gewalt des Feindes, Kriegsgefangenenlager in der Ostmark, 2003 Oldenburg-Verlag Wien. Gespräch mit Anton Engelhart. Lisa Rettl & Werner Koroschitz, Ein korrekter Nazi, Oskar Kraus NS-Bürgermeister von Villach, Edition kärnöl. Landesgericht Klagenfurt, Strafakte, Sch 196 Vr 463/46. Rundschreiben des Reichsinnenministerium PA. Niederschrift über die öffentliche Ratsherrensitzung in Villach vom 8. 6. 1943, S. 102, zitiert nach Werner Koroschitz, Oskar Kraus, NS-Bürgermeister von Villach S. 148. Artikel im Volkswille zitiert nach Hubert Speckner, In der Gewalt des Feindes S. 300.

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