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Der Kärntner Odilo Globočnik und die Aktion Reinhard

Auch heute noch ist die "Aktion Reinhard", bei der unter der Leitung des Kärntners Odilo Globočnik der Massenmord an den europäischen Juden in den polnischen Todeslagern Treblinka, Belzec und Sobibor organisiert und durchgeführt wurde, kein selbstverständlicher Teil des österreichischen Geschichtsbewusstseins. Auch in den Schulen kümmert man sich kaum um die Vermittlung dieses Kapitels unserer Geschichte, bei der die zwei Kärntner Odilo Globočnik und der Klagenfurter Kaffehausbesitzer Ernst Lerch führend beteiligt waren. Seiner direkten Verantwortung hat sich Globočnik, dessen Name untrennbar mit dem organisierten Massenmord an Juden - Männern, Frauen und Kindern - verbunden bleiben wird, nach der Niederlage des nationalsozialistischen Regimes durch Selbstmord entzogen. Das Ziel der „Aktion Reinhard“ wurde auf der Wannseekonferenz in Berlin im Jänner 1942 festgelegt und bestand in der Ermordung der über zwei Millionen Jüdinnen und Juden, die damals im Generalgouvernement in Polen, größtenteils in verschiedenen Ghettos zusammengepfercht, lebten. Die Vorbereitungen zu dieser Mordaktion begannen aber schon im November 1941. Heinrich Himmler - Reichsführer SS - beauftragte den SS- und Polizeiführer des Distriktes Lublin, Odilo Globočnik, von Himmler liebevoll Globus genannt, mit den Ermordungen.

Das Hauptquartier des Unternehmens war in Lublin und hatte folgende Aufgaben zu bewältigen:

  1. Gesamtplanung der Deportationen

  2. Planung und Errichtung von Vernichtungslagern

  3. Koordinierung der Deportationen aus den fünf Distrikten des Generalgouvernements und von auswärts

  4. Konfiszierung von Besitz und Wertgegenständen der Opfer und ihre Ablieferung an die Behörden im Reich

Das Personal, das Odilo Globočnik für dieses Unternehmen zur Verfügung gestellt wurde, bestand aus einer Gruppe von ungefähr hundert Männern unter der Leitung von Kriminalkommissar Christian Wirth, der schon bei der Tötung von behinderten Menschen, der sogenannten T4-Aktion, beteiligt war und somit seine "Erfahrungen" im Gebrauch von Gas bei der Tötung von Menschen einbringen konnte. Auch die Kommandanten der eigens dafür errichteten Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka hatten schon einschlägige Erfahrung bei der T4-Aktion gesammelt. Wie bei der T4-Aktion verwendete man zur Tötung Abgase von Dieselmotoren mit einem hohen Gehalt an Kohlenmonoxid.

Die Wachmannschaften der Vernichtungslager bestanden hauptsächlich aus sowjetischen Kriegsgefangenen, meistens Ukrainer, die sich freiwillig gemeldet hatten. Sie wurden im SS-Ausbildungslager Trawniki zusammengezogen, wo sie Waffen, schwarze Uniformen und eine kurze Ausbildung erhielten. Jedem Vernichtungslager wurden etwa 100 „Trawniki-Männer“, so wurden sie von der Bevölkerung genannt, zugeteilt. Ferner wurden „Trawnikis“ auch bei den Deportationen aus den Ghettos in die Lager eingesetzt. Die Lager wurden aus Verschleierungsgründen möglichst weit entfernt von den Bevölkerungszentren, jedoch in der Nähe von Eisenbahnlinien, errichtet. Offiziell sagte man, dass die Juden umgesiedelt werden, um zu arbeiten.

Als erstes Lager wurde zwischen November 1941 und März 1942 das Lager Belzec errichtet. Die Morde begannen dort Mitte März 1942. Das Lager Sobibor wurde im März und April 1942 errichtet. Hier begann man mit dem Morden Anfang Mai 1942. Das Lager Treblinka wurde im Juni und Juli 1942 erbaut. Die Morde begannen dort Ende Juli 1942 mit den Massendeportationen aus dem Warschauer Ghetto. Die Opfer wurden in riesigen Gruben begraben. Um sämtliche Spuren und Beweise für die begangenen Verbrechen auszulöschen, wurden Ende 1942 und Anfang 1943 die Leichen wieder ausgegraben und auf riesigen Scheiterhaufen verbrannt. Zur Beseitigung der Leichen aus den Gaskammern wurden jüdische Gefangene eingesetzt, die auf diese Weise zunächst der Vergasung entgingen. Sie wurden einige Wochen später getötet und durch Neuankömmlinge ersetzt. Niemand blieb längere Zeit am Leben.

Die Deportationen aus den Ghettos erfolgten immer nach dem gleichen Muster. Die entscheidenden Faktoren waren Überraschung, Geschwindigkeit, Terror und die Ungewissheit der Opfer über ihr wahres Schicksal. In der Regel wurden die Juden zu Fuß aus dem Ghetto zum Bahnhof gebracht und in Güterwaggons verladen. Die Waggons waren bis zum Ersticken überfüllt. Die Fahrt vom Verladebahnhof zum Vernichtungslager, die unter normalen Bedingungen einige Stunden dauerte, währte manchmal Tage, wobei die Züge viele Stunden lang angehalten wurden. Wegen der Bedingungen in den Waggons – Überfüllung, kein Wasser, keine sanitären Einrichtungen, Hitze im Sommer, Kälte im Winter – starben viele Insassen während der Fahrt. Wenn die Züge in den Todeslagern ankamen, befanden sich oft Dutzende Leichen in den Waggons.

Als im Juli 1942 die Morde im Lager Treblinka begannen, erfolgten die Deportationen mit einer solchen Geschwindigkeit, dass es zu wenige Züge für die Transporte gab. Zu dieser Zeit war der deutsche Angriff auf Stalingrad und dem Kaukasus auf seinem Höhepunkt, und die Wehrmacht hätte dringend sämtliche Züge für Material und Verstärkung benötigt. Heinrich Himmler intervenierte persönlich bei dem für die Deutsche Reichsbahn verantwortlichen Staatsekretär, damit die notwendigen Züge für die Deportation der Juden zur Verfügung gestellt wurden.

Nicht alle Juden im Generalgouvernement fanden ihr Ende in den Vernichtungslagern. Tausende wurden dort erschossen, wo sie gelebt haben. Allein im Distrikt Lemberg wurden über 250.000 Juden bei lokalen „Aktionen“ ermordet. Im Rahmen der „Aktion Reinhard“ wurden auch etwa 5000 österreichische Sinti und Roma, die im November 1941 ins Generalgouvernement deportiert wurden, ermordet. Darunter viele Kärntner Sinti.

Nach deutschen Angaben befanden sich Ende Dezember 1942 noch etwa 300.000 Juden im Generalgouvernement. Zwischen Jänner 1943 und Juni 1943 wurden die Ghettos im Generalgouvernement aufgelöst und die meisten verbliebenen Jüdinnen und Juden in Vernichtungslager deportiert. Mehrere Zehntausende, vor allem junge und ausgebildete Arbeiter wurden in Arbeitslager überstellt. Am Ende des Jahres 1942, als die Deportationen aus dem Generalgouvernement ihrem Ende zugingen, wurde das Unternehmen auf Juden aus dem Bezirk Bialystok ausgedehnt. Dabei handelte es sich um etwa 200.000 Personen. Die meisten davon wurden nach Treblinka deportiert.

Im Verlauf der „Aktion Reinhard“ wurden ungeheure Werte erbeutet, die die Juden durch ihre Arbeit über hunderte von Jahren angesammelt haben. Bereits im Sommer 1942 waren rund 50.000.000 Reichsmark in Papier, Devisen, Münzen und Schmuck sowie rund 1.000 Waggons Textilien vorhanden. Die deportierten Juden nahmen mit was ihnen gestattet wurde, einschließlich Bargeld und Wertgegenstände. All das wurde ihnen in den Lagern, in denen sie getötet wurden, von den Bewachern abgenommen. Von Odilo Globočnik wissen wir, dass er mit Raubgut aus der „Aktion Reinhard“ nach Kärnten kam, und bei Blasmusik und Kärntner Chorgesang Wintermäntel, Schuhe usw. an bedürftige Kärntner verteilte, die ihn bei dieser Gelegenheit hochleben ließen.

Die „Aktion Reinhard“ wurde Anfang November 1943 durch die „Aktion Erntefest“ fortgesetzt und beendet. Nach einem Aufstand im Vernichtungslager Sobibor gab Himmler aus Sorge vor weiteren Unruhen den Befehl, alle Juden in den Arbeitslagern Trawniki, Poniatowa und im Vernichtungslager Lublin-Maidanek zu erschießen. Am 3. und am 4. November 1943 wurden von einigen tausend SS-, Polizei- und Waffen-SS-Angehörigen die Erschießungen vorgenommen. Insgesamt wurden an diesen beiden Tagen im „Schichtbetrieb“ etwa 40.000 Personen erschossen, einschließlich vieler Frauen und Kinder aus dem Warschauer Ghetto. Die jüdischen Arbeitskommandos, die die Toten verbrennen und begraben mussten, wurden anschließend ebenfalls liquidiert. Das war eine der letzten Aktionen im Generalgouvernement. Damit endet die „Aktion Reinhard“, bei der im Laufe von 18 Monaten ungefähr 2 Millionen Jüdinnen und Juden und einige Tausend Sinti und Roma ermordet wurden.

Beim Ende der „Aktion Reinhard“ war Odilo Globočnik nicht mehr in Lublin. Er wurde im September 1943 auf Wunsch seines Freundes, des Kärntner Gauleiters Friedrich Rainer, von Himmler mit einem Teil seines Stabes nach Triest versetzt, wo ihm die Aufgabe übertragen wurde den oberitalienischen Raum „judenfrei“ zu machen. Zu diesem Zweck wurde eine alte Reisfabrik im Stadtteil San Sabba von Triest in ein KZ und Polizeihaftlager umgebaut. Das Konzentrationslager Risiera di San Sabba diente somit einerseits als Sammelstelle für die Deportationen der Jüdinnen und Juden nach Deutschland und Polen und andererseits als Vernichtungslager für Partisaninnen und Partisanen.

Am 1. Mai 1945 erhielt Odilo Globočnik den Befehl die zurückweichenden deutschen und verbündeten Truppen auf der Höhe von Gemona zum Stehen zu bringen und eine neue Verteidigungslinie zu errichten. Diese Linie sollte bis zum letzten Mann gehalten werden, damit der Gauleiter von Kärnten, Friedrich Rainer, „die restlose Ausschöpfung der Wehrkraft des Gaues Kärnten organisieren könne“. Diesen Befehl hat Globočnik nicht mehr ausgeführt, denn er schloss sich jenen Einheiten an, die sich über den Plökenpass nach Kärnten zurückzogen. Am 4. Mai jedenfalls war Globočnik gemeinsam mit seinem Adjutanten Ernst Lerch in Kötschach-Mauthen, wo er auf dem Marktplatz noch eine Rede zur dortigen Bevölkerung gehalten haben soll: „Es sie kein Grund zur Besorgnis vorhanden, da genügend Truppen im Anmarsch seien, um den Karnischen Hauptkamm zu besetzen und die Briten aufzuhalten, wie das ja im Jahre 1915 gegen die Italiener gelungen sei.“

Im Laufe der nächsten Tage flüchtete Globočnik auf eine Almhütte auf der Mößlacher Alm an der Ostseite des Weißensees, wo er sich mit Friedrich Rainer, Ernst Lerch und anderen „Kameraden“ versteckte. Am 31. Mai 1945 wurden sie von einer britischen Patrouille verhaftet. Die Verhafteten wurden nach Paternion auf den Gutshof des Grafen Foscari gebracht und erstmalig verhört. Dort beging Globočnik Selbstmord indem er eine Zyankalikapsel schluckte. Globočnik war als Kriegsverbrecher bekannt und wäre mit Sicherheit an Polen ausgeliefert worden. Der britische Vernehmungsoffizier hatte Globočnik die Auslieferung bereits mitgeteilt. Die Angst mit seinen Verbrechen konfrontiert zu werden, dürfte das entscheidende Motiv für den Selbstmord gewesen sein. Globočnik wurde mit einem Militärlastwagen zur Drau gebracht und dort verscharrt. Niemand weiß wo und das ist gut so.

Hans Haider februar 2005

Quellen:Enzyklopädie des Nationalsozialismus, herausgegeben von Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß, 3. Auflage 1998, dtv, ISBN 3-423-33007-4.
Enzyklopädie des Holocaust, herausgegeben von Eberhard Jäckl, Peter Longerich und Julius H. Schöps, Serie Piper Band 2121.
"....in der Bewegung führend tätig" Odilo Globocnik - Kämpfer für den Anschluss und Vollstrecker des Holocaust, herausgegeben von Siegfried Pucher, 1997, Drava-Verlag, ISBN 3-85435-278-6.

 

 

 

 

 

 

 

 

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