Texte

Rede Gedenkfeier Denkmal der Namen Villach 2009

 

Nadja Danglmaier

 

 

64 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus stehen wir heute hier, eine kleine Gruppe von Menschen in Anbetracht dessen, welche Menschenmassen sich bei Konzerten, Fußballspielen und ähnlichen Anlässen einfinden. Das Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Regimes scheint deutlich wenigere anzusprechen. Doch warum? Gibt es nur so wenige, die es für nötig halten, den Opfern zu gedenken, ihre Namen zu erinnern, ihnen ihre Würde zurückzugeben? Ist jungen Leuten von heute die Geschichte egal, sind sie fadisiert von Erzählungen darüber, was sich damals zugetragen hat, fehlt ihnen die Fähigkeit sich in die Opfer einzufühlen?

Nein, das glaube ich nicht!

In meiner Arbeit als Pädagogin treffe ich immer wieder auf junge Menschen und bin mit der Aufgabe konfrontiert, ihnen die Ereignisse des Nationalsozialismus ein Stück weit näher zu bringen. Mein Anspruch ist es, Jugendliche zum Nachdenken zu bewegen, sie zu befähigen ein eigenes Geschichtsbild zu entwickeln, verschiedene Perspektiven im Blick auf die Vergangenheit einzunehmen und sich eine eigene Meinung über diese zu bilden. Dies kann nicht in zwei Stunden passieren, sondern kann nur das Ergebnis eines längeren Prozesses sein. Bei meiner Arbeit ist mir ständig bewusst, dass das, was ich in den Schulen mit Workshops, Projektarbeit oder historischen Stadtrundgängen leisten kann, maximal ein Anstoß für diesen Prozess sein kann.

 

Doch wie können wir es schaffen, Menschen, nicht nur junge Menschen, dazu zu bewegen, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen und Interesse für diese zu entwickeln? Die Begriffe Nationalsozialismus und Holocaust sind in unseren Köpfen mit weit entfernten Orten verbunden: Auschwitz, Mauthausen und Berlin kommen uns in den Sinn, wenn wir sie hören. Mit der eigenen Region, in der wir leben und arbeiten und die uns vertraut ist, scheinen die Ereignisse des Nationalsozialismus kaum etwas zu tun zu haben. Dadurch bleibt die Beschäftigung mit diesem Teil der Geschichte abstrakt und das Geschehene wenig nachvollziehbar. Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Geschichte vor Ort, in Verbindung mit Plätzen, die damals eine zentrale Funktion innehatten, kann helfen, einen besseren Zugang zur Vergangenheit zu finden.

 

Lassen Sie mich ein Beispiel anführen: Nahezu jede Schulklasse fährt nach Mauthausen, um dort das ehemalige Konzentrationslager zu besichtigen. Doch dass es auch am Rande von Klagenfurt ein kleines Konzentrationslager, ein Nebenlager des KZ Mauthausen, gab, wissen die wenigsten Kärntner Schüler und Schülerinnen, ja überhaupt die wenigsten Kärntnerinnen und Kärntner. 80 bis 130 Häftlinge unterschiedlicher Nationalitäten wurden hier zu Zwangsarbeit eingesetzt und erst im Herbst 2007 gelang es, nach langen Bemühungen, die Anbringung einer Gedenktafel an der Außenmauer der heutigen Kaserne des österreichischen Bundesheeres zu erreichen. Beschäftigt man sich mit dem Holocaust, steht meist die Vernichtung der großen jüdischen Gemeinden, wie jenen von Wien oder Berlin, im Vordergrund. Dass es auch in Kärnten eine kleine jüdische Gemeinde gab, die durch die Nationalsozialisten zerstört wurde, bleibt dabei oft unbekannt, auch wenn man hier seinen Lebensmittelpunkt hat. Den gut erhaltenen jüdischen Friedhof in Klagenfurt sowie das Denkmal an jenem Ort, an dem bis 1938 das jüdische Bethaus stand, kennen viele Kärntner und Kärntnerinnen nicht. Ebenso ist wenigen bekannt, was Hans Haider im Rahmen von Stadtrundgängen in Villach zu vermitteln vermag, nämlich die Präsenz jüdischer Familien in Villach vor 1938. Durch einen solchen Rundgang, der Halt macht an Häusern, bekannten Plätzen und in verschiedenen Straßen beginnt man Orte der eigenen Stadt mit anderen Augen zu sehen. Sie werden mit einer zweiten Geschichte zusätzlich zur aktuellen in Verbindung gebracht und Interesse an der Vergangenheit kann sich entwickeln.

 

Vieles ist uns so vertraut, dass wir es übersehen. Eine Spurensuche macht daher nötig, dass wir unsere Wahrnehmung intensivieren und scheinbar Vertrautes hinterfragen und einen zweiten Blick hinrichten. Orte und Spuren, anhand derer sich die Ereignisse während des Nationalsozialismus nachzeichnen lassen, gibt es viele. Und noch gibt es einige Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die uns helfen, der Geschichte ein Gesicht zu geben, bevor wir die Erinnerung an die Opfer bald ohne ihre Hilfe weiter tragen müssen. Wenn wir offen sind, begegnet uns Geschichte nicht nur auf historischen Exkursionen, sondern im Alltag.

Welche Spuren sind heute noch sichtbar oder wurden sichtbar gemacht? Die wohl markantesten, die uns heute an den Nationalsozialismus erinnern, wenn wir mit offenen Augen durch die Stadt gehen, sind Denkmäler und Friedhöfe.Zum einen findet man zahlreiche Hinweise auf Friedhöfen, zum anderen findet man Denkmäler, so wie jenes an dem wir hier stehen. Errichtet zu dem Zwecke, sie zu beachten, inne zu halten, zu lesen, nachzudenken – aber funktioniert das? Der österreichische Schriftsteller Doron Rabinovici, der im Rahmen einer Novemberpogrom-Gedenkfeier bereits in Villach gesprochen hat, schreibt:

Denkmäler seien ja eher die Wegmarken des Vergessens. Achtlos würde daran vorbeigegangen.“1

Ich bin mir sicher, wir, die wir heute hier stehen und für das Thema Nationalsozialismus sensibilisiert sind, gehen an diesem Denkmal nicht achtlos vorbei. Erinnern Sie sich an das letzte Mal, als Sie hier vorbeigingen? Doch wie können wir es schaffen, andere dafür zu sensibilisieren? Sie dazu bringen, hier nicht achtlos vorbeizugehen? Auch hier bin ich von den Chancen überzeugt, die von der Auseinandersetzung mit Regionalgeschichte ausgehen.

 

Die Reaktionen der TeilnehmerInnen an historischen Stadtrundgängen erstaunen mich immer wieder. Menschen, die seit Jahren oder gar Jahrzehnten in Klagenfurt leben oder arbeiten sind überrascht, manchmal auch entsetzt, von dem was sie in diesen wenigen Stunden sehen und hören. Die ihnen vertraut erscheinenden Orte bekommen eine andere Bedeutung und sind plötzlich teilweise fremd. Doch gerade diese Entfremdung kann einen Prozess der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus in Gang bringen und so zu Nachhaltigkeit führen. Natürlich muss kritisch miteinbezogen werden, dass Personen, die sich zu einem solchen Stadtrundgang anmelden, der Thematik Nationalsozialismus zu einem Großteil bereits zuvor Interesse entgegenbrachten. Doch längst nicht alle weisen ein fundiertes Vorwissen auf, was für den Rundgang auch nicht unbedingt vonnöten ist. Viele melden sich aus reiner Neugierde an, oder weil in ihren Familien ständig Geschichten über die Jahre 1938 bis 1945 kursierten, die sie bisher nicht einordnen konnten. Ein Teilnehmer beispielsweise erzählte mir plötzlich mitten auf unserer Route durch die Stadt, er wisse nun, wo sein Vater inhaftiert gewesen sei, bevor er aus Klagenfurt nach Dachau deportiert und dort ermordet wurde. Seine Mutter und der ältere Bruder hätten ihm vor Jahrzehnten davon erzählt, heute, als er an diesem Ort stand, an dem die Mutter vor über 60 Jahren versuchte Kontakt mit ihrem Mann aufzunehmen, habe er sich plötzlich ganz deutlich an die Erzählung erinnert. Ich bin davon überzeugt, dass er die Geschichte seines Vaters seinen Kindern und Enkelkindern erzählen wird. Sie werden erfahren, dass dieser als überzeugter Sozialdemokrat ermordet wurde, ein Vater dreier kleiner Kinder. Und sie werden auch erfahren, wie der kleine Sohn des Ermordeten darunter gelitten hat, das Kind eines „KZlers“ zu sein. Seine ganze Kindheit lang habe er gelogen, sein Vater sei im Krieg gefallen, berichtete er mir. Denn die Wahrheit zu sagen hätte ihm Probleme bereitet.

 

Natürlich lässt ein Stadtrundgang auf den Spuren des Nationalsozialismus nur eine fragmentarische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu, nur einzelne Themenbereiche können angeschnitten werden und die Komplexität der historischen Ereignisse kann nicht lückenlos vermittelt werden. Doch mittels der Verbindung mit konkreten Orten rücken die Geschichten von Menschen in den Vordergrund; von Menschen, die hier lebten, die hier als Täter handelten oder die aufgrund ihrer Religion, ihrer politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer Minderheit zu Opfern des Nationalsozialismus wurden. Und genau diese Geschichten unterschiedlicher Personen machen die Ereignisse lebendig und teilweise nachvollziehbar, ermöglichen die Entwicklung von Mitgefühl und können auch dazu beitragen, sensibler für aktuelle Tendenzen von Ausgrenzung zu werden. Und besonders das muss ein zentrales Ziel von jeder Auseinandersetzung mit den Ereignissen des Nationalsozialismus sein: Nämlich Querverbindungen zur Gegenwart herzustellen und aktuelle Tendenzen von Diskriminierung zu erkennen. Noch schwieriger ist der zweite Schritt: über das Erkennen hinaus zu handeln, aufzutreten gegen Ungerechtigkeit, seine Stimme zu erheben, einzutreten für die Rechte anderer!

 

Spuren der Ereignisse, die sich während des Nationalsozialismus in Kärnten zugetragen haben, gibt es genügend. Doch um sie zu finden und sie deuten zu können, ist oft Hilfe oder zumindest ein Anstoß nötig. Diese Form von Hilfe bieten Verein wie der Verein Erinnern, dessen zentrales Anliegen es ist, die Erinnerung an die Opfer aufrecht zu erhalten.

 

 

 

1 Rabinovici, Doron: Ohnehin. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2004, S: 92.

 

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