Texte

Rede am 25. 10. 2007 anlässlich der Wiedereröffnung des Denkmals der Namen in der Stadt Villach

 

Erinnern oder Missbrauch der Vergangenheit?

Vom Aussondern zum Auslöschen

Werner Wintersteiner

 

Wenn wir heute der Toten gedenken, deren Lebensdaten auf dem Denkmal festgehalten sind, so bewegt uns – wie bei allen Verstorbenen – die Unausweichlichkeit des Todes, der auch, früher oder später, wer kann das wissen, unser eigenes Schicksal ist.

 

Wenn wir heute aber gerade dieser toten Opfer des Nationalsozialismus gedenken, die auf den Tafeln des Denkmals gewürdigt werden, so kommt eine ganz andere Dimension hinzu: Es sind Menschen, deren Tod vor der Zeit gekommen ist, genauer gesagt: deren Tod bewusst und mit Absicht herbeigeführt wurde. Diese Menschen sind nicht einfach gestorben, sondern sie wurden ermordet oder in den Tod getrieben. Zur Trauer um die Toten kommt die Empörung über das Verbrechen.

 

Doch noch ein Drittes ist vom Tod derer zu sagen, deren Namen auf diesem Denkmal stehen: Sie sind nicht einfach einzelnen Mördern zum Opfer gefallen, die im Affekt oder aus Habgier getötet hätten, sondern sie wurden von einem mörderischen Regime systematisch als zukünftige Opfer identifiziert, ausgesondert, und kaltblütig, systematisch, mit penibler bürokratischer Organisation, umgebracht. Zu unserer Trauer um die Toten, zu unserer Empörung über das Verbrechen gesellt sich noch das Entsetzen, dass es möglich war, diese Menschen so planvoll, so öffentlich und so legal zu töten. Hier bei uns, in dieser Stadt, in diesem Land, von Menschen der bloß zweiten Generation vor der heutigen Zeit.

 

Wenn wir dieser ermordeten Opfer eines mörderischen Systems gedenken, so machen wir keinen Unterschied, ob es sich um eine Sinti-Mädchen aus Seebach handelte, um einen psychisch kranken Villacher oder um einen russischen Zwangsarbeiter. Die Erinnerung diskriminiert nicht.

 

Und das macht die Besonderheit des Erinnerns aus, wie wir es pflegen wollen. Es ist ja nicht so, dass man sich hierzulande zu wenig mit der Vergangenheit beschäftigen würde. Ganz im Gegenteil. Kärnten ist wohl ein Paradebeispiel eines Landes, in dem es zu viel Geschichte pro m² gibt. Eines Landes, bei dem die Geschichte manchmal die Gegenwart zu überschatten, zu dominieren, ja zu verzehren scheint. Das hängt damit zusammen, wie hier mit der Vergangenheit umgegangen wird.

 

Es besteht die Gewohnheit, die Vergangenheit zu funktionalisieren, sie für die Gegenwart dienstbar zu machen, aber ohne sich vorher wirklich mit ihr auseinander zu setzen. Häufig wird die Vergangenheit nicht erinnert, sondern es werden Stereotype abgerufen, die für Zwecke in der Gegenwart nützlich erscheinen. Wenn jahrelang solche Versatzstücke aus der Vergangenheit bemüht werden, dann entsteht eine ganz eigenartige neue Tradition, die – wie eine Art Parallelaktion – an die Stelle der eigentlichen Geschichte und der historischen Fakten geschoben wird. Was man tut, ist im Grunde kein Erinnern mehr, sondern ein Wiedererkennen und Wiederaufrufen von wenigen vorgefertigten Bildern. Diese fixen Bilder werden als Waffe in der heutigen Politik eingesetzt, um die eigenen Ansprüche zu legitimieren und die legitimen Ansprüche der Anderen zu erschüttern. Sie werden verwendet, um die Angst vor dem Anderen zu schüren, ein fragwürdiges Wir-sind-wir-Gefühl zu stärken, sich selbst als Opfer hochzustilisieren und damit jede Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber zu rechtfertigen. Ich nenne einige: die so genannte Kärntner Urangst vor den Slowenen, die Verbrechen, die unserem Volk angetan wurden, die Benachteiligung Kärntens durch die Wiener, die Zentralregierung, durch Europa usw. Setzen Sie ruhig ein, was gerade politisch opportun ist.

 

All diese falschen und gefährlichen Stereotypen wecken die Gefühle von real erlittenem Unrecht, sie decken aber die wirkliche Erinnerung daran sogleich wieder zu. Sie machen wirkliche Erinnerung unmöglich, weil sie ihr im Klischee bereits einen scheinbar gültigen Ausdruck verleihen: Mit Urangst ist bereits alles gesagt, was man sagen kann, damit sind starke Gefühle geweckt, damit werden die echten Ängste angesprochen, aber nicht ausgesprochen. Reale Sorgen werden in Ressentiments verwandelt. Über diese Emotionen lässt sich nicht mehr ruhig diskutieren.

 

Was wir hingegen dringend brauchen, und was – wie ich überzeugt bin – die Arbeit des Vereins Erinnern auszeichnet – ist eine echte Kultur der Erinnerung. Es geht ja nicht um irgendeine Erinnerung an eine beliebige Vergangenheit, sondern um die gezielte und exemplarische Erinnerung an den großen, den tragischen, den historischen zivilisatorischen Rückschritt im vorigen Jahrhundert, den der Nationalsozialismus darstellt. Was wir gegenüber der NS-Zeit brauchen, ist ein Erinnern, das aus drei Schritten besteht:

  • Die vorurteilsfreie Begegnung mit den Fakten der Vergangenheit, voller Respekt, Mitgefühl und Empfindsamkeit mit allen Opfern und gegenüber jedem Unrecht. Nur aus dem Mut zu dieser offenen Begegnung mit dem Vergangenen erwächst Trauer.

  • Die Bereitschaft, aus der Geschichte zu lernen, was über das Mitfühlen mit den Opfern hinausreicht. Wir müssen auch auf die Täter eingehen, nicht um sie zu entschuldigen, sondern um zu begreifen, wir müssen auch ihr politisches System, die Kultur und den Alltag erforschen. Aus der Geschichte lernen ist viel mehr als das gut gemeinte, aber nur gefühlsmäßige Nie wieder! Es heißt, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie es zu den Verbrechen der Vergangenheit kommen konnte. Und das heißt zugleich zu verstehen, welche dieser Voraussetzungen, Strukturen, Elemente heute noch immer vorhanden sind oder relativ leicht wieder eintreten könnten. Welche Umstände auch heute noch oder heute wieder einen zivilisatorischen Rückschritt möglich machen.

  • Und drittens soll uns die Erinnerung befähigen zum Handeln in der heutigen Politik. Ein Handeln, das darauf gerichtet sein muss, allen Anfängen zu wehren und die Lektionen der Vergangenheit zu beherzigen.

 

Dieser Lektionen sind viele. Ich möchte heute, abschließend, nur auf eine einzige eingehen, die mir heute besonders dringend erscheint. Diese Lektion lautet: Es beginnt mit dem Aussondern.

 

Dem Vernichtungshandeln ist das Vernichtungsdenken vorausgegangen. Den Beginn aber stellte immer die Aussonderung von Menschen dar. Diese Aussonderung erfolgt zuerst ideell, durch Bezeichnen, durch die Unterscheidung in solche, denen das volle Recht auf Menschsein zugestanden wird, und in die Anderen, die Fremden, die Falschen, die, die unser Unglück sind, die uns wie eine Flut bedrohen, die nicht dazu gehören – die, die als illegal bezeichnet werden. In Krisenzeiten aber wird aus dieser Unterscheidung konkret und im Alltag exekutiert. Die Ausgesonderten müssen besondere Kennzeichen tragen, es gelten besondere Vorschriften für sie, es ist ihnen vieles nicht mehr erlaubt, was den Normalbürgern erlaubt ist. Die, die als anders bezeichnet wurden, werden nun gezwungen, tatsächlich Andere zu sein.

 

Natürlich haben wir diese Zustände überwunden. Wir haben einen funktionierenden Rechtsstaat und eine gelebte Kultur der Gleichberechtigung und des friedlichen Zusammenlebens. Umso aufmerksamer sollten wir daher gegenüber allen Signalen und Versuchen sein, die Bevölkerung wieder aufzuspalten in solche mit vollen Bürgerrechten und in die anderen, die Unerwünschten, die Ungehörigen, die Illegalen.

Im Hinblick auf die Vergangenheit, derer wir heute gedenken, ist es sehr beunruhigend zu sehen, wie manche Politiker nach wie vor – und heute wieder mehr denn je –einen Teil der Bevölkerung diskriminieren, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Ich nenne drei Beispiele:

 

- die mit absurden Argumenten begründete, aber psychologisch immer noch wirksame Verweigerung der vollen Rechte der Kärntner SlowenInnen und Slowenen. Welches Feuer dumpfer Ressentiments wird da unter der Asche des Vergessens immer wieder angeblasen?

- die pauschale Verdächtigung der islamischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, Komplizen des Terrorismus zu sein. Zum Beispiel: der diskriminierende und beleidigende Plan, im Landtag einen Beschluss gegen Moscheen und Minarette in Kärnten fassen.

- die bestehenden Ausländergesetze, die negative Grundhaltung gegenüber MigrantInnen, und die Tatsache, dass Österreich Europas Schlusslicht bei der Integrationspolitik ist. Heute drohen Politiker damit, für Asylwerber das Recht auf Datenschutz aufzuheben und mögliche Strafregister zu veröffentlichen. Man tut so, als würden ein paar tausende Menschen, die materielle Not, Verfolgung und Verzweiflung zu uns gebracht hat, jene 8 Millionen bedrohen, die die Wohlstandsinsel Österreich, eines der reichsten Länder der Welt, bewohnen. Das ist ein unseliger Geist aus der Vergangenheit, der heute kräftig bei uns weht.

 

Dagegen muss es Widerstand geben, und dagegen gibt es Widerstand. ÖsterreicherInnen, die sich mit den MigrantInnen ihrer Nachbarschaft solidarisieren, die abgeschoben werden sollen; Menschen, die jahrzehntelang den Kärntner Slowenen ihre Rechte abgesprochen haben und die nun Einsicht zeigen, die sie sich im Dialog mit ihren ehemaligen Gegnern zusammenfinden, um Kärnten neu zu denken. Kärnten neu denken, das wäre auch für uns eine Aufgabe – dann wird Erinnern zu einer Kraftquelle, unsere Gegenwart zu meistern und eine demokratischere und lebenswerte Zukunft zu eröffnen – für alle Menschen, die in diesem Lande leben.

 

 

login